In Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei ringen die Gelehrten heftig um ihre Existenz

Von Steven Dickman

Noch sind wir unter Wasser, aber uns trennen nur mehr fünfzig statt zweitausend Meter von der Oberfläche.“ Diese sarkastische Bemerkung über den Zustand der mitteleuropäischen Forschung stammt von dem 79jährigen Präsidenten der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Domokos Kosary. Der Historiker Kosary hat viele Regierungen kommen und gehen sehen: Monarchisten, Nationalisten, Faschisten, Kommunisten und nun Kapitalisten. Er glaubt, daß die Ungarn, Polen und Tschechen auf lange Sicht hoffen dürfen, aus dem Wasser wieder aufzutauchen, obgleich es tief genug ist, um darin zu ertrinken.

Wird ein Forscher gefragt, zum Beispiel in Prag, wie die Situation der Wissenschaft zu Beginn des nächsten Jahrhunderts aussehen könnte, so reagiert er mit unsicherem Schweigen. Tatsächlich sind die meisten Gelehrten in diesen drei Ländern mehr darum bemüht, ihre Existenz zu retten, als darüber nachzudenken, was sie langfristig tun werden. Gegenwärtig versuchen sie mit Etatkürzungen und der massiven Abwanderung von Wissenschaftlern fertig zu werden. Zudem befinden sie sich mitten in einer Reform, welche die Wissenschaft von unproduktiver Ideologie befreien und künftig ausschließlich Leistung fördern will. So hart dies im Einzelfall auch sein mag, die Reform entscheidet, ob die Wissenschaft in Mitteleuropa überleben kann. Diese Ansicht äußerten viele Forscher und Politiker in Gesprächen anläßlich einer zweiwöchigen Reise im März dieses Jahres durch die betroffenen Länder.

Das wichtigste sei, daß die Forschung die Kapitalkrise überstehe. Denn die Finanzmittel für die Wissenschaft sind um fünfzehn bis fünfzig Prozent gekürzt worden. Und daran scheint sich in absehbarer Zeit nichts zu ändern, obwohl die jeweiligen Regierungen die Notwendigkeit einer funktionierenden wissenschaftlichen Infrastruktur sehen. „Bei uns ist die Regierung durchaus nicht gegen Wissenschaft eingestellt“, erklärt der Physiker Jan Pisut, Erziehungsminister der Slowakei, „aber den Vorrang muß erst einmal die Wirtschaft haben.“