Angesichts der Übermacht der herrschenden Rechtfertigungsstrategien überhaupt noch Mut zur Hoffnung oder gar zur Aktion aufzubringen, fällt nicht leicht (...) Was bleibt da für ökologisch besorgte Menschen, die zuweilen selber von Stimmungen der Skepsis oder des Defätismus übermannt werden, überhaupt noch zu tun?“ Ein Quentchen Hoffnung schöpft Jost Hermann aus der fortschrittskritischen oder -feindlichen Literatur, welche den Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozeß von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis heute begleitet.

Das regenbogenfarbige Spektrum erstreckt sich von den Anti-Luxus-Parolen deutscher Rousseauisten bis zur Ökopax-Bewegung und der Partei der Grünen und umfaßt aufklärerische und romantische, völkische und anarchistische Reaktionen, rückwärtsgewandten Heimatschutz und basisdemokratischen Ökosozialismus. Die zugrundeliegenden Weltbilder und die daraus abgeleiteten Gesellschaftsentwürfe sind ebenso kunterbunt und reichen von der hochentwickelten sozialistischen Solarenergie-Gesellschaft eines August Bebel in „Die Frau und der Sozialismus“ bis zur Propaganda für einen an Blut und Boden gebundenen und an der biologisch-dynamischen Landbauweise Rudolf Steiners orientierten Neubauern-Adel beim Nationalsozialisten Walther Darré.

Schwerpunkt dieses Überblicks über das sich wandelnde ökologische Bewußtsein in Deutschland und sein interessantester Teil sind Kurzbeschreibungen von über zweihundert literarischen „grünen“ Utopien, von Kritiken und Gegenbildern zum herrschenden Fortschrittskonzept also, welche „den schonenden Respekt vor der Natur im Sinne einer allumfassenden Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit aller lebenden Wesen zum höchsten Gradmesser eines sozialen Verhaltens erheben“. Selbst der Spezialist wird hier manches Neue entdecken – etwa den optimistischen lebensreformerischen Roman C. von Mereschkowskys „Das irdische Paradies. Ein Märchen aus dem 27. Jahrhundert“ aus dem Jahre 1903.

Hermand will damit gescheiterten und oft gesellschaftlich isolierten Idealisten Denkmäler setzen. Am Ende extrahiert er aus den historischen Modellen als hoffnungsstiftenden „Silberstreifen am Horizont“ seine eigene „Realutopie“ des Maßhaltens und des friedfertigen Umgangs mit der Natur. Denn besser, als „utopielos in den Untergang (zu) taumeln“, sei es, von Skeptikern und Zynikern als Vertreter eines „blinden Utopismus“ belächelt oder beschimpft zu werden.

Moralische Integrität stellt sich hier gegen ungezügelten bourgeois-kapitalistischen Egoismus und Nihilismus – eine vielleicht doch allzu reduktionistische Sichtweise der komplexen Geschichte industrieller Umweltveränderung und -zerstörung. So fühlt sich der Leser angeregt, doch auch einmal „Pfade aus Utopia“ zu betreten, also der jeweils konkreten sozialen Wahrnehmung der Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden durch die meist nicht-literarischen Betroffenen ebenso nachzuspüren wie den historisch für die Umweltkrisen entwickelten Erklärungsmustern und Lösungsmaßnahmen. Freilich weist die Utopieproduktion als Krisensymptom darauf hin, daß die bisherige Umweltpolitik mehr als unzureichend blieb. Ulrich Linse

  • Jost Hermand:

Grüne Utopien in Deutschland

Zur Geschichte des ökologischen Bewußtseins; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1991; 223 S., 16,80 DM