Von Oscar Arias

SAN JOSÉ. – Der jüngste Appell Expräsident Nixons, den ehemaligen Sowjetrepubliken helfend unter die Arme zu greifen, hat ein starkes Echo gefunden. Seine Warnung, diese Staaten drohten sonst in eine Diktatur oder gar in die Anarchie abzugleiten, war wichtig. Aber ist es nicht auch an der Zeit, daß der Westen seine Strategie gegenüber der Dritten Welt – einem oft vergessenen Teil unseres Planeten – überdenkt? Immerhin leben dort achtzig Prozent der Erdbevölkerung. Da wir zu Recht das Ende des Kalten Krieges feiern, wäre es tragisch, wenn wir nun in den nächsten langwierigen Konflikt, in eine Konfrontation zwischen Arm und Reich, gerieten.

Die armen Länder sind beunruhigt. Sie haben mit ansehen müssen, welch enorme Aufmerksamkeit die westlichen Nationen den Problemen in Osteuropa und den GUS-Staaten schenken. Nicht daß sie dem Osten den wirtschaftlichen Fortschritt mißgönnen. Die Entwicklungsstaaten aber wollen verhindern, daß die Aufmerksamkeit des Westens am Osten die Interessen der Dritten Welt gefährdet. Diese Sorge ist durchaus verständlich. Schließlich sind die Dritte-Welt-Länder sehr viel ärmer und unterentwickelter als Osteuropa. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den Entwicklungsstaaten beträgt 800 Dollar gegenüber 2500 Dollar in Osteuropa und den GUS Staaten – das ist weniger als ein Drittel.

In den Entwicklungsländern leben 1,2 Milliarden Menschen in schlimmster Armut, eine Milliarde Erwachsene können weder lesen noch schreiben, 1,5 Milliarden Menschen entbehren sauberes Trinkwasser. 800 Millionen Menschen haben dort nicht einmal zwei wirkliche Mahlzeiten am Tag. Gewiß, diese Staaten müssen sich selbst helfen. Das bedeutet in der Praxis: Kürzungen der Rüstungsausgaben; es muß gespart, die Korruption bekämpft, die Wirtschaftspolitik verbessert und die Privatinitiative gefördert werden; Viele Länder haben diesen Weg bereits eingeschlagen. Doch zusätzlich sind sie auf internationale Hilfe angewiesen.

Das internationale Klima hat die Entwicklungsstaaten in letzter Zeit nicht gerade verwöhnt. Da sie gerade ihre eigenen Märkte öffnen, verschließt sich der Zugang zum Weltmarkt. Die Industriestaaten sind heute noch protektionistischer als zuvor. Zahllose Reglementierungen verhindern, daß die Entwicklungsländer ihre Waren auf dem internationalen Markt verkaufen können. Gleichzeitig fließt kaum Kapital in die armen Länder. Da grenzt es an Ironie, daß die verschuldeten Nationen über fünfzig Milliarden Dollar (netto) an Ressourcen in die reicheren Länder exportieren.

Wenn die Wirtschaft und die Arbeitsplätze nicht zu den Menschen kommen, wie lange wird es dann dauern, bis die Menschen dorthin aufbrechen, wo die wirtschaftlichen Möglichkeiten und die Arbeitsplätze sind? Können die Armen dieser Welt tatsächlich durch nationale Grenzen aufgehalten werden? Einmal angenommen, das wäre möglich: Könnte dann auch die Armut in Gestalt von Drogen, Umweltverschmutzung, Terrorismus oder auch von Aids davon abgehalten werden, sich über alle Grenzen hinwegzusetzen?

An der Grenze zu Mexiko müssen die amerikanischen Behörden versuchen, mit Repressalien gegen die Flut lateinamerikanischer Einwanderer vorzugehen. Diese Maßnahmen – von ihrer Erfolglosigkeit ganz abgesehen – erinnern an die schrecklichsten Tage des Kalten Krieges. Viele Flüchtlinge setzen ihr Leben aufs Spiel und überwinden schwierigste Hindernisse, um illegal in ein fremdes Land einzuwandern. Wir können uns nicht länger vor der so einfachen Frage drücken: Wäre es nicht sinnvoller, die teuren und unmenschlichen Absperrungsmaßnahmen durch humane politische Entscheidungen zu ersetzen und beispielweise das Schuldenproblem gerecht zu lösen? So könnte man den Menschen in der Dritten Welt die Türen zu freier Entfaltung und Entwicklung öffnen. Denn die Menschen fliehen aus Ländern, wo die Demokratie noch in der gefährlichen Wiege der Rezession liegt.