Ein neues Gebot könnte heißen: Du sollst den Menschen nicht nach seiner Akte richten! Denn was ist das schon, eine Akte? Ein Fetzen Papier, viele tote Buchstaben, unter denen das wahre Leben begraben ist. Was wissen wir von den Nöten, den Träumen, den guten, den wahren Absichten der Menschen in den Akten? Was überhaupt (hört man auf Nietzsche) ist der Mensch anderes als ein feuriges Wesen, das „auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend“ nur aus Bequemlichkeit in die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge einwilligt? Die schwarzen Buchstaben sind für einen solchen Feuerkopf nur Asche, Reste einer größeren Wahrheit, die im engen Gitter der Buchstaben keinen Platz findet.

„Du mußt dir das nicht so statisch vorstellen“, sagt Rainer Schedlinski, Dichter und ehemaliger Mitarbeiter der Stasi, im letzten Magazin der Süddeutschen Zeitung zu seinem Freund, dem Dichter Detlef Opitz, der ihn über seine Stasi-Vergangenheit befragt. Die Akten, gibt Schedlinski seinem Freund zu verstehen, seien nicht das entscheidende. Das Leben, auch das Leben mit der Stasi, sei völlig anders gewesen. „Ich war nicht der Spitzel, der auf dich oder wen auch immer angesetzt wurde“, sagt der ehemalige IM Gerhard. Schon in der großen Confessio, die Schedlinski nach seiner (unfreiwilligen) Enttarnung in der ARD-Sendung Kontraste im Januar mit Hilfe seines Freundes Detlef Opitz verfaßt hat, sah die Stasi des Rainer Schedlinski eher wie eine Jugendversorgungsanstalt aus. Das sind die Geschichten in jeder Geschichte, die vielen Akten in der Akte. Schedlinski glaubt, er habe seinen Weg im Dschungel des Staatssicherheitsdienstes gefunden. Er meint, seine Führungsoffiziere gelegentlich verblüfft, wenn nicht sogar beeinflußt zu haben.

Auch Manfred Stolpe, wenn kein IM, so doch mit der Stasi unentwirrbar verbandelt, beteuert im ZEIT-Gespräch der letzten Woche, den Menschen und der Kirche mit seinen Möglichkeiten gedient zu haben. Er fragt sich, ob es „rechtstaatlich noch verkraftbar“ sei, die „Arbeitsrichtlinien des Staatssicherheitsdienstes“ zur Beurteilung der Akten heranzuziehen. Auch Schedlinski hält das öffentliche Urteil über die Staatssicherheit für „eine Mystifizierung, die an der Realität vorbeigeht“.

Was ist die Realität? Nicht das, was auf dem Papier steht? Nicht die toten Buchstaben, denen wir bisher mehr als den lebenden Spitzeln vertraut haben? Haben wir uns geirrt? Stolpe nennt das Vertrauen auf die Akten „fundamentalistisch“. „Pragmatisch“ wäre es nach Manfred Stolpe, würde man den Hoffnungen, den Zwängen und Umständen vor und hinter den Akten mehr Gewicht geben als den Akten selber. Rainer Schedlinski findet, man sollte das „statische Bild“ von der Staatssicherheit revidieren.

Das macht nachdenklich. Natürlich ist es im Grunde unsere Profession und unsere Lust, die Worte nicht beim Wort zu nehmen, sie zu drehen, zu interpretieren, zu befragen. Mit Freuden hätten wir die Stasi-Akten des Sascha Anderson nicht als kläffender Detektiv, sondern als begeisterter und behutsamer Literaturkritiker durchforstet. Auch haben wir uns über die Ajatollahs stets empört, die einen Menschen aufgrund seiner (literarischen) Texte verurteilen. Sind wir Akten-Leser, wir Akten-Beurteiler nun die Ajatollahs des Westens?

Das wären wir, wenn die Staatssicherheit ein Ort für angewandte Philosophie, eine Schule für Dichtung oder auch nur ein e.V. „Kommunikationsträger“ wäre, wie Schedlinski behauptet. Doch über das, was die Stasi war, sollte noch immer eher aus der Perspektive ihrer Opfer und nicht aus der ihrer Zuträger und Verbündeten geurteilt werden. Es mag fundamentalistisch sein, dem Mief der Stasi-Logik mehr zu vertrauen als den großherzigen Ansichten ihrer ehemaligen Informanten. Aber solange Jürgen Fuchs und andere uns zeigen, daß in genau diesem Mief Menschen erstickt sind, muß man dem schönen Bild von einer aufgeschlossenen Interessenvermittlungs-Stasi à la Schedlinski & Stolpe zumindest mißtrauen. Selbst wenn das Leben keine Akte ist, waren die Akten doch für viele Menschen das Leben.

Am Ende des SZ-Gesprächs ist der Dichter Schedlinski zufrieden. Sein Freund Opitz resigniert. Und sagt zum Abschied nur „olé“.

Iris Radisch