Eine Kollektivhysterie scheint ausgebrochen. Mit Recht stellte Ministerpräsident Rau verwundert fest: „Wir haben doch auch nach 1945 keinen danach beurteilt, was die Gestapo über ihn gesagt hat, sondern danach, was wir mit ihm erlebt haben.“ In der Tat, zur Zeit der kommunistischen Herrschaft hat die Stasi kaum so viel Einfluß gehabt wie heute, wo jeder Papierfetzen, der Stolpe betrifft, als Offenbarung betrachtet wird.

Für den, der in einem Rechtsstaat lebt, ist es eben fast unmöglich, sich das Verhalten vorzustellen, mit dem allein man in einem totalitären Apparat etwas erreichen konnte: auf keinen Fall als Gegner auffallen, im Gegenteil, durchblicken lassen, daß man Verständnis für gewisse Gegebenheiten hat. „Der Erfolg heiligt die Mittel.“ Dieser Grundsatz kommt im Rechtsstaat einer Sünde gleich – in einer Diktatur dagegen ist jedes Mittel recht, um Unrecht zu verhindern.

Welch anderem Zweck als dem, die Kirche zu schützen und Menschen in Not zu helfen, könnte denn die Tätigkeit des Konsistorialpräsidenten gedient haben? Glauben seine Widersacher etwa, er habe zu seinem Vergnügen Gespräche mit der Stasi geführt? Und ferner: Die Kirche ist während jener Schreckensherrschaft doch erstaunlich glimpflich davongekommen. Kann sich jemand vorstellen, dies sei von allein geschehen? Dff