Von Siggi Weidemann

Von einem Einkaufsbummel im Souk zu erzählen heißt immer auch, wie aus einem Märchen zu erzählen. Schon der Name klingt geheimnisvoll: Scharia Abtal el Tahrir – so nennt man den Basar von Assuan.

Assuan schöpfte seinen Reichtum aus dem Fernhandel. Wegen ihrer Lage am ersten Katarakt des Nils, am Kreuzpunkt von Karawanenstraßen, wurde die Stadt zum Handelszentrum und reich durch den Umschlag von Weihrauch und Myrrhe, von Sklaven und Gold. Die Bauern und Händler kamen von den Ufern des Blauen und des Weißen Nils, die Berber und die Nubier aus den Bergen, die Beduinen aus der Wüste nach Assuan, um Baumwolle, Elefantenzähne, Gold oder Hennablätter gegen Mehl, Pfeffer oder Waffen einzutauschen.

Die Altstadt ist noch immer das kommerzielle Zentrum Assuans. Parallel zur Corniche, an der die weißen Hotelschiffe dümpeln, verlaufen die Straßen Abtal el Tahrir und die Scharia el Souk, sie bieten das, was europäische Touristen von einem orientalischen Markt erwarten: Wasserträger und Schausteller, Briefeschreiber und -vorleser, Scharlatane und Gaukler. Der Duft von Safran und Sandel, von Apfelsinen, Limonen und Honig umhüllt sie. Das durchdringende Klagen von Eseln, das Schreien der Straßenhändler und das Schimpfen übervorteilter Käufer, das endlose Gehupe der Autos, das anhaltende Getrappel der Pferdehufe von Kutschen und Fuhrwerken erfüllt den Basar. Ziegen fressen sich durch Berge von Papier. Ein Lastwagen quält sich durch die Gasse, stößt blauen Dieselqualm aus. Von seinem Eselskarren herunter verkauft ein Händler in einer blauen galabiya Bohnen und Kürbisse. Zwischen Körben, angefüllt mit Hibiskusblüten (für den Tee), liegen getrocknete Datteln, Pfeffer, dann wieder gehäkelte bunte Käppchen.

Hochgewachsene Nubier schreiten über den Markt und elegante Nubierinnen mit stolzem Blick, gekleidet in fußlange schwarze, rote oder blaue, dünne Gewänder, deren Säume durch den Straßenstaub schleifen. Hunde suchen nach Freßbarem. Vor der Bäckerei warten fünfzehn, vielleicht zwanzig Menschen darauf, daß sie an der Reihe sind, das ofenheiße Fladenbrot zu kaufen, das frisch so gut schmeckt.

Im festgestampften Sand der Gassen neben ihren kunstvoll gestapelten Gurken, Tomaten oder Auberginen, neben Bergen von Melonen, Kisten mit Kartoffeln, neben Zwiebeln und Knoblauch hocken die Händler.

Das intensive Licht taucht die Buden, die Cafés, die Moschee und die Häuser in strahlende und kräftige Farben. Auch die Frauen tragen kräftige Farben. Allah, der verboten hat, Menschen zu malen, scheint nichts dagegen zu haben, daß sich die Menschen bemalen. Vielfach wird noch Naturkosmetik benutzt: Das Schwarze um die Augen kommt von einer Mischung aus Asche und Indigo, die grünen Schattierungen stammen von gepreßten Blättern, das Rouge wird aus den aufgelösten Kurkumen-Wurzeln gewonnen, alles Dinge, die im Basar feilgeboten werden. An einer Ecke glimmt Weihrauch, ein schwerer, betörender Geruch steigt in die Nase.