Wenn es Abend wird auf Vitu Levu, der Hauptinsel des Fidschi-Archipels, ziehen die kräftigsten Kellner des „Hide-Away-Strand-Resorts“ ihre Dienstkleidung aus und schmücken sich mit dem Wurzel- und Sträucher – werk ihrer dunkelhäutigen Vorfahren. Mit freien Oberkörpern, geschwärzten Gesichtern, Baströckchen und Grasbüscheln an den Oberarmen treten drei kräftige Melanesier vor die abendliche Tischgesellschaft, um die geheimnisvolle kava-Zeremonie zu präsentieren.

Kava oder yanggona heißt ein rituell zubereitetes Getränk, das aus der getrockneten Wurzel der Pfefferpflanze gewonnen und im Rahmen bedeutsamer gesellschaftlicher Anlässe Ehrengästen angeboten wird. Deren Aufgabe besteht dann darin, in zeremoniell genau festgelegter Weise von diesem Getränk zu kosten. Die kava- oder yanggona-Zeremonie ist eine jener zahlreichen Formen kollektiver Aggressionsbeschwichtigungen, die die sogenannten Naturvölker ganz ohne die Hilfe von Friedens- oder Konfliktforschern entwickelt haben, und es gehört zu den aufregendsten Erlebnissen einer Südseereise, eine solche friedensstiftende Festlichkeit miterleben zu dürfen. Heute ist das selbst für Trekking-Touristen kaum noch möglich, denn selbst bei gutgemeinter Annäherung und ehrlicher Bereitschaft, sich eine Zeitlang ins dörfliche Leben der Fidschianer einzufügen, haftet dem Verlangen unweigerlich ein Hauch von Voyeurismus an. Sogar wenn die Besucher als besondere Ehrenbezeugung am seasea-Tanz oder einer kava-Zeremonie teilnehmen dürfen, bleibt der unschöne Beigeschmack des Künstlichen und Gestellten.

Derartige Feinsinnigkeiten spielen bei den hoteleigenen Präsentationen einheimischen Brauchtums im „Hide-Away-Resort“ keine Rolle. Während die Gäste den Genuß des köstlichen kassava-Fisches mit einem Glas leckeren neuseeländischen Riesling-Imports abrunden, nimmt die kava-Show auf der Bühne ihren Lauf. Stimmungsvolle Ruhe tritt ein, während die yanggona-Experten nach der Zerstampfung der Wurzelknolle dem Brei diverse Flüssigkeiten zuführen, manchmal unterbrochen von gutturalem Murmeln, dem immer sofort ein stakkatoartiges Händeklatschen der Zeremonienmeister folgt.

Schließlich betreten zwei vorher ausgewählte Touristen die Bühne, um in der Rolle der „Ehrengäste“ den kava-Trunk entgegenzunehmen. Gott sei Dank erweisen sie sich als subtile Kenner einheimischer Riten, denn sie klatschen ihrerseits mehrfach in die Hände. Ehe sie den kava-Behälter entgegennehmen, verzichten die „Ehrengäste“ auch darauf, den Sud in einem Zug herunterzukippen, sondern sie nippen genauso verhalten am Becherrand, wie es der Brauch gebietet. Nun klatschen die drei Melanesier ihrerseits enthusiastisch in die Hände, schlucken sodann schon etwas kräftiger am Trunk, und in diesem Rhythmus von Klatschen und Nippen geht der yanggona-Becher reihum. Endlich erhebt sich der melanesische kava-Koch und geleitet die „Ehrengäste“ unter dem Beifall der Abendgesellschaft wie nach einem gelungenen Quizauftritt an ihre Sitze zurück.

Nur schade, daß die Melanesier, sollten sie jemals Gast in Neapel oder Rom sein, ihrerseits nicht erwarten können, daß für sie nach Spaghetti und Scaloppina die italienischen Köche und Kellner eine szenische Kurzform des heiligen Abendmahls vorführen, mit einem Priester im vollen Ornat, lateinischen Anrufungen, Brot und Rotwein und sorgfältigen Ermahnungen, beides nicht wie bei einer Brotzeit herunterzuschlingen.

Den Besuchern des „Hide-Away-Resorts“ genügt diese abendliche Einführung in die melanesische Kultur der Fidschiinseln durchaus. Weitergehende kulturelle Ambitionen können die besonders Interessierten im Rahmen eines Besuches des nahe gelegenen Fidschi-Cultural-Center befriedigen, in der die anschaulichen Aspekte der südpazifischen Dorfkultur in einer Art melanesischem Neuschwanstein entfaltet werden: Vor der Kulisse der langstelzigen und hochgebauten Reisspeicher mit ihren spitz zulaufenden Mattendächern plätschern künstliche Wasserfälle in eine umfangreiche Teichanlage, in deren Mitte sich auf üppig bewachsenen Inseln die imposanten mbures, die Häuptlingshäuser, erheben.

Gleich nach der Ankunft und dem Besuch zahlreicher Souvenirshops werden die Busbesatzungen aus den diversen Strandresorts in ein Boot verfrachtet, um dieses typical Fiji village zu besuchen. Als Hauptereignis werden die künstlichen Inseln umrundet, auf denen die mbures stehen. Die Reise nähert sich ihrem Höhepunkt, wenn beim Näherkommen der kleinen Schiffe je ein riesengroßer kriegsgeschmückter Melanesier mit Keule, Schwert, Speer und Lendenschurz aus seinem mbure tritt. Nun ist die Zeit für das unvergeßliche Kopfjägerphoto, und so, als würde der Inselmensch die geheimsten Wünsche der Touristen erahnen, schwingt er drohend seine Axt. Das tut er allerdings nicht, ohne sich dabei ein paarmal um die eigene Achse zu drehen, um dann, nachdem das Boot um die nächste Ecke gebogen ist, schlurfend in seinem mbure zu verschwinden.