Ob der Sozialismus, der jetzt im Osten zerbricht, je „real“ war oder stets nur Etikettenschwindel – eines steht fest: Mit ihm verschwindet die Zweite Welt, und übrig bleiben Erste und Dritte. Der Puffer zwischen beiden löst sich auf, und seine Elemente, seien es Polen oder Rumänien, die Überbleibsel Jugoslawiens oder der Sowjetunion, stehen vor der bangen Frage, ob sie auf die Seite der Ersten oder der Dritten Welt fallen werden.

Es sind nicht nur unbeglichene Rechnungen der Vergangenheit, die dort so heftige Kämpfe ausbrechen lassen; es ist auch Zukunftsangst.

Werden wir zu den Nichtsen gehören, die der Weltwirtschaftszug überrollt und perspektivlos liegenläßt, oder werden wir auf diesen Zug noch aufspringen können? So prosaisch-ökonomisch stellt sich heute die Hamletfrage nach Sein oder Nichtsein im ehemaligen Ostblock.

Was sich da als Nationalismus und Separatismus artikuliert, könnte sich bald als Kampf um die letzten Stehplätze auf der Seite der Ersten Welt erweisen. Jedenfalls wird die Anerkennung durch Deutschland und die Vereinigten Staaten jetzt schon als Eintrittskarte gehandelt, und daß die amtierenden Veranstalter der Weltgeschichte mehr Karten ausgeben, als sie Plätze bieten, gehört zu den Spielregeln, die so viel Haß unter den Käufern schüren.

Im Zuge dieser Entwicklung wird Europa, der Inbegriff der Ersten Welt, von etwas befallen, was es bisher anderen Kontinenten vorbehalten hatte. In dem Maße, wie seine geballte Wirtschaftsmacht sich nach dem Osten ausdehnt, dehnt sich dessen Elend nach Westen aus. Die EG wird zu einer Gemeinschaft von Schwellenländern: zu Ländern, an deren Schwelle die Dritte Welt lagert – im Begriff, sie zu überschreiten.

Gewiß, unter Schwellenländern versteht man eigentlich etwas anderes: die Länder Lateinamerikas, Afrikas, Asiens, die seit Jahrzehnten, mit großem wirtschaftlichem Kraftaufwand, auf dem Sprung zur Ersten Welt sind und ihn doch nicht schaffen.

Länder der dritten Welt, die über die Schwelle zur Ersten wollen, und Länder der Ersten, die nicht wollen, daß ihnen die Dritte über die Schwelle kommt, erscheinen grundverschieden. Aber besteht nicht gerade der Witz der gegenwärtigen Weltentwicklung darin, daß sie sich mehr und mehr ähneln?