Lieber anzünden als abtreten: In der Angst um ihre vom Westen beanspruchten Häuser setzen sich die Menschen im Osten auch mit militanten Tönen zur Wehr

Von Daniela Dahn

Eigentum ist Diebstahl – diese Proudhonsche Maxime prägt derzeit das Lebensgefühl der Ostdeutschen, durch deren schlaflose Nächte ums Haus schleichende Alteigentümer geistern. Oft schleichen und geistern diese allerdings nicht mehr, sondern rücken am hellichten Tage mit Räumungsklagen und Bulldozern an.

Zwar hat Justizminister Kinkel die in Bonn protestierenden Brandenburger wissen lassen, daß sich 95 Prozent der heute Verunsicherten keine Sorgen zu machen brauchten, aber nach Stand des jüngst vom Kabinett verabschiedeten Entwurfs zur Änderung des Vermögensgesetzes ist dies reine Beschwichtigung. Zu behaupten, daß diejenigen, die in der DDR auf redliche Weise Eigentum erworben haben, es auch behalten dürfen, und gleichzeitig an der Stichtagsregelung festzuhalten ist nicht redlich, Herr Kinkel.

Der Gesetzgeber suggeriert, daß sich nach dem 18, Oktober 1989, dem Sturz Honeckers, nur noch ein paar korrupte Elemente an frei gewordenen Stasi- und Bonzenvillen bereichert hätten, so daß sich die Überprüfung der Redlichkeit von diesem Datum an gar nicht mehr lohne. Diese Darstellung unterschlägt, daß solche Fälle, die as zweifellos gibt, nur einen winzigen Bruchteil alter Kaufvorgänge nach der Wende ausmachen. Daß und warum dies so ist, ist im Westen offenbar gänzlich unbekannt.

Als Beispiel für Tausende anderer Fälle stellt eine in den dreißiger Jahren von der Gagfah, einer gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft für Angestellte, in Berlin-Adlershof gebaute Siedlung, Häuschen von jeweils etwa 65 Quadratmeter Wohnfläche, keine Luxusvillen. 1937 hat die Gagfah die Siedlung an ihre Muttergesellschaft, die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte, verkauft, die auch in diesen fast 350 Häusern konsequent für die – wie es im juristischen Fachjargcn der Nazis hieß – „Entjudung“ ihres Grundbesitzes sorgte. 1950 ist die auch deshalb nach dem Krieg sequestrierte Siedlung in Volkseigentum überführt und seither kommunal verwaltet worden, An der Rechtmäßigkeit dieses Vorgangs hatte keiner je gezweifelt.

Da die Miete wie überall sehr gering war (bis 1990 etwa 65 Mark), erwarteten die Mieter von der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV) keine Wunder und investierten selbst in die ihnen nicht gehörenden Wohnungen. Viele haben sich beispielsweise auf eigene Kosten den kleinen Dachboden als ein zusätzliches Zimmer ausgebaut, in dem sie, dann, mit Billigung der Verwaltung mietfrei wohnen durften. Viele haben die Erneuerung der verrotteten Elektroleitungen und den Einbau einer Gasheizung selbst finanziert. Andere haben, ohne viel zu fragen, Bäder und Keller ausgebaut, Wände durchbrochen und Terrassen unterkellert.