Ich suche die Spuren des Henri-Marie-Raymond de Toulouse-Lautrec in Paris, das Elternhaus des Malers, Hotel Pérey in der Cité Retiro. Der liebenswürdige Besitzer einer kleinen Charcuterie weist mir den Weg, was immerhin von der Kultiviertheit Pariser Delikatessenhändler zeugt. Dennoch gelingt es mir nicht, das Haus zu identifizieren, in dem die Familie Toulouse-Lautrec 1872 ihren Wohnsitz nahm.

Laufmüde und von der feinen Atmosphäre des stillen Viertels um die Cité de Retiro gesättigt, wo Henri de Toulouse-Lautrec im Schatten der Madeleine-Kirche aufwuchs, beziehe ich noch den Gorçon eines Teesalons in meine Recherchen ein. Umsonst.

„Madame, geben Sie’s auf“, höre ich jemanden amüsiert sagen. „Gehen Sie lieber zu meinen Bildern! Aber nicht zum Grand Palais. Gehen Sie in die Bibliotheque Nationale!“

„Les Lautrec de Lautrec“ weht es von langen roten Fahnen vor dem grauen Gemäuer, einem ehrwürdigen Komplex unweit des Palais Royal. Im prächtigsten Teil, den Galerien Mazarin, schauen Götter, Nymphen und Heroen auf die Welt des Fin de siècle herab. In neun Abteilungen konzentriert diese Graphikausstellung die Aufmerksamkeit des Besuchers auf das Wesentliche im Werk des Malers: die Entwicklung des Plakats zum Kunstwerk in der Technik der Lithographie. Damit gelang Henri der Durchbruch.

Umhüllt von den Chansons einer Yvette Guilbert und anderer Stars, die Lautrec beobachtete, zeichnete, verehrte, schreitet der Betrachter von Bild zu Bild. In Feldherrenpose schaut Aristide Bruant, der das bourgeoise Publikum mit seinen Anpöbeleien provozierte, arrogant von dem bekannten Plakat. Die anmutige irische Chansonette May Belfort, ein schwarzes Kätzchen, ihr Wahrzeichen, im Arm, wirkt schutzbedürftig, die Tänzerin Jane Avril verführerisch.

Der Zeichner Lautrec hat Bücher illustriert und darin Straßen- und Genreszenen festgehalten, die jene leise Traurigkeit ausstrahlen wie die Momentaufnahmen im Zyklus „Elles“ aus dem Prostituiertenmilieu. Die Lithographien, als große Plakate gestaltet, fassen noch einmal das Werk eines kurzen Lebens zusammen. Wer sich später im Grand Palais in der Besucherschlange von Bild zu Bild schiebt, wird die Stille und Intimität der Ausstellung in der Nationalbibliothek vermissen.

Die Begegnung mit den illustren Typen vom Montmartre hatte die Neugier geweckt auf den „Tatort“, das Arbeits- und Vergnügungsterrain des Malers, seine Wohnungen und Ateliers. In ein dreistöckiges Eckhaus der bürgerlichen Rue Caulaincourt war Toulouse-Lautrec 1886 eingezogen. Bis 1898 sollte er dort bleiben. Hier, wo die meisten Arbeiten entstanden, spielte auch die unglückliche Liebesgeschichte des Malers mit seinem Modell, der ehemaligen Zirkusreiterin Suzanne Valadon. Nach einem fingierten Selbstmordversuch seiner Geliebten brach Henri die Beziehung ab. Suzanne wurde später eine gute Malerin und die Mutter des Malers Utrillo. Jetzt befindet sich eine Arztpraxis in dem Haus, auf dessen berühmten Bewohner nur eine kleine Tafel hinweist.