Von Eckhard Roelcke

Im Irrenhaus ist es dunkel. Auf der Bühne stehen lauter Menschen, die mitten in den Bewegungen erstarrt sind. Ein alter, buckliger Wärter schlurft herein, leuchtet mit seiner Funzel den Bewegungslosen ins Gesicht und schaut, daß alles ruhig ist. Er gibt ein Zeichen – und der Dirigent kommt aus der Gasse. Der Wärter greift wie Knecht Ruprecht in einen Sack, zieht die Partitur der Oper und einen Taktstock heraus, gibt sie dem Dirigenten und führt ihn in den Orchestergraben.

Das Spiel beginnt, und ins Tollhaus kommt Bewegung. War das bloß ein kleiner szenischer Witz? Oder verbirgt sich dahinter ein tieferer Sinn? Der Dirigent marschiert in seiner Abendgarderobe quer durch die Irrenanstalt – Realität und Fiktion verschwimmen. Heißt die Anstalt „Oper“ oder „Psychiatrie“?

Das Leben mit einem Idioten ist alles andere als beschaulich. „Ich“ – die Hauptfigur der Oper – hat eine nicht näher erklärte Strafe zu verbüßen. Er muß ins Irrenhaus gehen, sich dort einen Insassen aussuchen und ihn bei sich zu Hause aufnehmen. „Endlich begriff ich, warum ich bestraft wurde: wegen Mangel an Mitleid“, sagt Ich rätselhaft und macht sich auf den Weg. Seine Freunde gratulieren ihm zu dieser „milden, leichten Strafe“.

Mit Wowa, glaubt er, habe er einen netten Narren gefunden, „volkstümlich in Form und Inhalt“. Doch Wowa entpuppt sich bald als Ungeheuer: Er uriniert ins Wohnzimmer, zerfleddert die geliebten Bücher, zerstört das Mobiliar, wird gewalttätig; er zwingt die Ehefrau von Ich zum Beischlaf, findet Gefallen daran – und plötzlich ist Ich der Ausgestoßene im engen, trauten Heim. Aber damit noch nicht genug: Wowa verführt nun auch den Mann, und beide – liebestrunken und der Welt entrückt – quälen die Ehefrau. Das Ende ist schrecklich: Wowa schneidet ihr mit einer Geflügelschere den Kopf ab. Der Mann verliert endgültig den Verstand: „Ich weiß, wer ich bin. Ich bin Renoir.“ Ich kommt ins Irrenhaus und erzählt seine abstruse, grauenvolle Geschichte.

Viktor Jerofejew hat seine Erzählung „Das Leben mit einem Idioten“ virtuos montiert. Da gibt es Rückblenden und Vorgriffe, der Ich-Erzähler beschimpft und umschmeichelt den Leser, ständig wechselt die Perspektive. Man taumelt durch einen Irrgarten der Gefühle, Phantasien und Wünsche: ein sprachlich artistisches Verwirrspiel.

Aber dieses ästhetische Kalkül hat Jerofejew in seinem Libretto für die Oper von Alfred Schnittke selber verwässert. Denn was in der Erzählung nur vage angedeutet wird: die unmerklichen Übergänge zu immer neuen Abgründen, die Einflüsterungen der „Freunde“, die metaphernreichen Seitenwege durch das Gestrüpp der Handlung – all das hat Jerofejew geopfert, weil er auf die Ich-Perspektive verzichtet hat. Da gibt es nicht mehr nur den Erzähler, sondern die Ehefrau, Wowa, den Wärter, einen mehrfach geteilten Chor: die Freunde, die Idioten, die Lauscher, die Homosexuellen. Sie verfolgen das Geschehen teils anstachelnd, teils hämisch kommentierend.