Rosiges Szenario

Onkel Sam und die mexikanische Magd geben ihre Verlobung bekannt: Beide haben die Absicht, eine Ehe der Vernunft zu schließen. Das Aufgebot ist bestellt, über den Vertrag der Zugewinngemeinschaft wird noch verhandelt. Der Gringo-Clan und die Latino-Familie mäkeln daran herum. Außerdem schmollt die kanadische Kurtisane, die in den gemeinsamen Haushalt mit eingebracht wird. Doch die Brauteltern, Amerikas Präsident George Bush und Mexikos Präsident Carlos Salinas de Gortari, sind überzeugt, daß aus der marriage of convenience keine Mesalliance wird.

Die mexikanische Mitgift ist mager. Mexikos Volksvermögen beträgt nur 200 Milliarden Dollar; aber es ist in den vergangenen fünf Jahren um immerhin durchschnittlich drei Prozent gewachsen. Gleichzeitig sank die jährliche Geldentwertung von 160 auf 20 Prozent – für Lateinamerika ein rekordverdächtig niedriger Wert. Mexikos Regierung hat den Haushalt in Ordnung gebracht und einen Teil der Auslandsschulden zurückgezahlt. Vor allem aber hat sie das Land von der bürokratischen Staatswirtschaft entrümpelt und dem Weltmarkt geöffnet.

Onkel Sams Vermögen übertrifft das mexikanische um das 25fache. Aber während der letzten Jahre haben die Vereinigten Staaten über ihre Verhältnisse gelebt, die wirtschaftliche Gesamtleistung ist nur gering gewachsen, die Außenschulden sind ins Astronomische (rund 330 Milliarden Dollar) gestiegen. Washingtons Anteil am Welthandel ist kleiner geworden. Mit Kanada sieht es ähnlich aus.

Wer gewinnt, und wer verliert bei dieser Partnerschaft? Warum lassen sich die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko auf dieses Unterfangen ein, das die Yankees North-American Free Trade Agreement (Nafta) nennen, die Mexikaner aber Tratado de Libre Comercio (TLC), wobei der semantische Unterschied – hie „Abkommen“, dort „Vertrag“ – etwas unterschiedliche Erwartungen ausdrückt?

Mexikos Überlegungen sind ökonomischer Art, die der Vereinigten Staaten eher strategischer Natur. Mexikos Wirtschaft ist längst durch eine Reihe von Verträgen mit der von Nordamerika verzahnt. Rund drei Viertel seines Handels wickelt Mexiko mit seinem nördlichen Nachbarn ab. Der europäische und japanische Markt bietet dazu keine Alternative, der lateinamerikanische noch weniger: Er nimmt nur sechs Prozent der mexikanischen Exporte auf. Von den Industrieprodukten gehen im mexikanischen Außenhandel sogar fast 85 Prozent in die Vereinigten Staaten. Die Industrie aber ist inzwischen der Motor der mexikanischen Wirtschaft geworden und Mexiko so etwas wie die verlängerte Werkbank der Vereinigten Staaten. Viele hundert nordamerikanische Unternehmen profitieren von der Offenmarktpolitik Mexikos, dessen Zollsätze im Durchschnitt weniger als zehn Prozent betragen. Vor allem aber sind es die niedrigen Lohnkosten, die für amerikanische Investoren zu Buche schlagen. Ein Arbeiter bei Ford in Hermosillo etwa verdient nur ein Achtel des Lohnes, den sein amerikanischer Kollege aus Detroit mit nach Hause nimmt.

Ein erheblicher Teil der mexikanisch-amerikanischen Handelsbilanz geht auf das Konto der sogenannten Maquiladora-Industrie. Das sind Montagebetriebe, die meist grenznah zoll- und steuerbegünstigt für den Export zum großen Bruder arbeiten; eine halbe Million mexikanische Arbeitnehmer beschäftigt diese Industrie. Den großen nordamerikanischen Markt für mexikanische Produkte vertraglich zu sichern ist ein wichtiges Motiv von Carlos Salinas de Gortari: Nur mit dem Nachbarn zusammen kann Mexikos Wirtschaft wachsen und sich entfalten; mit ausländischem Kapital und Know-how wird Mexikos Wirtschaft auf dem Weltmarkt erst richtig konkurrenzfähig.