Ans Ende der Welt konnte man vor 1492 noch zu Fuß gehen. Der französische Mönch Aimeric Picaud hat im 12. Jahrhundert als erster beschrieben, wie: auf dem Pilgerpfad zum Grab Santiagos, so nennen die Spanier ihren Apostel. Von den Pyrenäen her, wo die französischen Zweige dieses mittelalterlichen Europawanderwegs an zwei Pässen zusammengeführt wurden, über Pamplona, Burgos, León querte Picaud den Norden Spaniens bis Santiago de Compostela, wo die Gebeine des Heiligen ruhen sollen. Von hier ist es nur noch ein Katzensprung bis zu Spaniens Westzipfel: Finisterre, finis terrae.

Der Jakobsweg erschließt auch heute noch die landschaftlichen und kulturellen Reichtümer des spanischen Nordens, und ihm zu Fuß zu folgen ist nicht die schlechteste Methode, seine Sehenswürdigkeiten kennenzulernen. Vorbildlich, insbesondere was Mischung und Qualität der Wegbeschreibungen, notwendigen Toureninformationen (Übernachtungsmöglichkeiten, Schwierigkeitsgrade, Ausrüstung) und kulturell-historischen Auskünfte betrifft, ist Ulrich Wegners "Der spanische Jakobsweg" (DuMont-Verlag, Köln 1992; 29,80 DM). Wegner hat aus den rund 800 Kilometern des Jakobswegs 24 Etappen und Abzweigungen nach Gesichtspunkten landschaftlicher Schönheit und kulturellen Interesses ausgewählt. Die häufige Angabe "Taxi bestellen" kennzeichnet sein Verständnis von "Richtig wandern (so der typisch besserwisserische Reihentitel): Nur die gut wanderbaren Teilstrecken sind beschrieben, die Zwischenetappen kurz charakterisiert. So ist der Wanderführer für den Autotouristen, der sich anständig die Beine vertreten will, ebenso nützlich wie für den Dreitagegeher, kann aber auch als – handliche – Planungsgrundlage für die ganzen 800 Kilometer genommen werden.

Das, was Wegner ausspart, das Leiden an den Fernstraßen, das Schwelgen in Flora, Fauna und Dörflichkeit, bietet Carmen Rohrbach ("Jakobsweg – Wandern auf dem Himmelspfad"; Frederking & Thaler, München 1991; 39,80 DM) reichlich. Daß sie Gerda und Atze und Tommaso und allen anderen, die sich auf dem Sankt-Jakobs-Pfad selber finden wollten, mitteilt, was ihr nächtens in Ruinen träumte, daß die studierte Biologin eine schwere Kindheit in der DDR samt großem Freiheitsdrang hatte und alle kranken, schwachen und halbflüggen Tierkinder in die Hand nehmen muß, wer wird es ihr verdenken? Aber warum das alles aufschreiben? Ich-Sucht, Oberflächlichkeit und Geschwätz verdecken das wenige Mitteilenswerte – ein schlechtes Beispiel für die Masche mit der "Reise-Abenteuer-Literatur". Erlebnisse muß man nicht nur haben, sondern auch beschreiben können, wenn ein Buch daraus werden soll.

Tobias Gohlis