Warum haben die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges nicht ernsthaft versucht, Kernwaffen herzustellen? Diese Frage hat seit 1945 viele Autoren, vor allem im Ausland, umgetrieben. Zu den unterschiedlichsten Gründen, die genannt wurden, zählen die angebliche Unfähigkeit der deutschen Wissenschaftler, ihre moralischen Skrupel, die demotivierende Wirkung des NS-Regimes, Hitlers Unverständnis für die moderne Physik und das Fehlen der Ressourcen, die notwendig waren, um bei angespannter Kriegslage ein solch aufwendiges Projekt zu verwirklichen.

Es läßt sich aber auch eine ganz andere These aufstellen und begründen: Die Gefahr, daß eine deutsche Atombombe gebaut wurde, war viel größer, als man bisher angenommen hat. Die Atomphysiker Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker hatten 1941 vor, Hitler persönlich von der Wichtigkeit der Atomwaffe zu überzeugen. Sie konnten diese Absicht jedoch nicht verwirklichen, nachdem Heisenberg im September 1941 den dänischen Physiker Niels Bohr aufgesucht hatte und feststellen mußte, daß Bohr trotz der deutschen Siege fest auf Seiten der Alliierten stand. Da Heisenberg und Weizsäcker nach dem gescheiterten Gespräch den Vorwurf des Landesverrats fürchten mußten, sahen sie sich schon um des eigenen Überlebens willen gezwungen, von nun an das deutsche Atombombenprojekt zu hintertreiben.

Nach Auffassung des amerikanischen Historikers Mark Walker, dessen Buch „Die Uranmaschine. Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe“ 1990 in Deutschland erschien, hatte das Heereswaffenamt ohne Mitwirkung der Forscher entschieden, die Bombe nicht zu bauen. Bis zum Herbst 1941 habe man geglaubt, der Krieg könne bald siegreich beendet werden, so daß Atombomben und andere Wunderwaffen nicht erforderlich seien. „Als die Kriegslage und die Fortschritte der Forschung eine Neueinschätzung des Projekts erforderlich machten, gelangte das Heer zu dem Schluß, daß es weder ratsam noch zu verantworten sei, das Kernenergieprojekt in großindustriellem Maßstab auszubauen.“ Im historischen Kontext hält Walker dies für „vernünftig und gerechtfertigt“.

Bei seiner Sicht der Dinge mißt Walter auch dem Bohr-Heisenberg-Gespräch eine nur untergeordnete Bedeutung zu. Die Unterredung habe wenig mit dem Bau einer deutschen Atombombe oder deren Verhinderung zu tun gehabt, vielmehr dem Versuch gedient, „Bohr und seine Mitarbeiter zur kulturellen Zusammenarbeit mit dem Reich zu bewegen“.

Walker konnte, als er seine Dissertation schrieb, noch nicht berücksichtigen, daß Carl Friedrich von Weizsäcker seit Mitte der achtziger Jahre, im Widerspruch zu seinen früheren Aussagen, auf drei Sachverhalte hingewiesen hat:

  • Er und Heisenberg waren 1940/41, wie die meisten Deutschen, von Hitlers Sieg überzeugt.
  • Er befürwortete den Bau einer deutschen Atomwaffe.
  • Er hatte die Absicht, mit Hitler über den Bau der Atombombe und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu sprechen.

Wer 1941 an den Sieg Deutschlands glaubte und von der Möglichkeit wußte, daß in den USA an Atomwaffen gearbeitet wurde, der konnte sich nicht bei dem Gedanken beruhigen, daß diese Waffe im Krieg keine Rolle mehr spielen würde. Ein deutscher Sieg würde sich bald als Pyrrhussieg herausgestellt haben, wenn Amerika ein paar Jahre später über Atomwaffen verfügt hätte, um Deutschland zu zwingen, seine Eroberungen wieder herauszugeben. Das war den führenden Atomphysikern wie Heisenberg und Weizsäcker durchaus bewußt.