Lücken und Ungereimtheiten im Gutachten der Gauck-Behörde über Manfred Stolpe

Von Joachim Nawrocki

Berlin, im April

Wie das wirklich gewesen ist mit dem IM "Sekretär" und Manfred Stolpe, das wissen nur die Beteiligten. Und nicht alle Beteiligten werden die Wahrheit sagen. Aber daß es nicht unbedingt so gewesen sein muß, wie die Recherche-Ergebnisse der Gauck-Behörde "zum IM ‚Sekretär‘, Reg.-Nr. IV/1192/64" es nahelegen, das liegt auf der Hand. Aus Akten läßt sich kein halbes Menschenleben rekonstruieren, schon gar nicht ein Leben, das sich so wie das von Manfred Stolpe an der Nahtstelle von Staat und Kirche, zwischen SED und Regimegegnern, zwischen Ost und West bewegte. Und nicht einmal die Akten sind vollständig.

Der Untersuchungsausschuß des Landtages von Brandenburg, der die möglichen Verstrickungen des brandenburgischen Ministerpräsidenten Stolpe aufklären soll, hatte den Sonderbeauftragten der Bundesregierung für personenbezogene Unterlagen, Joachim Gauck, beauftragt, das ihm verfügbare Aktenmaterial über Manfred Stolpe beizubringen. Geliefert wurde Material über den Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit mit dem Decknamen "Sekretär", ohne daß auch nur die Identität von Stolpe mit diesem "Sekretär" dezidiert nachgewiesen wird.

Geplante Provokationen

Daß es auch andere Stasi-Akten über Stolpe gibt, in denen er zum Beispiel als Objekt staatlicher Bespitzelung auftaucht, ist dem 61seitigen Bericht mit fünf Anlagebänden nicht zu entnehmen. Es findet sich zum Beispiel auch nicht die vom brandenburgischen SPD-Vorsitzenden Steffen Reiche erwähnte Beobachtungsakte mit der Bezeichnung "Quadrat". Dort beklagt die Stasi, daß Stolpe eine angeblich getroffene Verabredung zur Verhinderung kirchlicher Veranstaltungen nicht eingehalten, sondern gemeinsam mit oppositionellen Gruppen "weitere Provokationen" geplant habe.