Von Gabriele Venzky

Eine Woche nach dem Sturz des ehemaligen Kreml-Statthalters Nadschibullah schwankt Afghanistan hin und her zwischen Chaos und der schwachen Hoffnung, daß eine einigermaßen geordnete Übergabe der Macht doch noch gelingt. Geschützdonner erfüllt die Luft. Auf den kahlen Hügeln in der Peripherie der Hauptstadt hat Gulbuddin Hekmatyar seine Artillerie in Stellung gebracht und beschießt die Truppen seines Rivalen Ahmed Shah Massud. Der hat einen Schutzring um Kabul ziehen lassen und will erst einmarschieren, wenn eine Mudschaheddin-Regierung eingesetzt ist. In seinem provisorischen Hauptquartier in Charikar erklärt Massud, der populärste aller Mudschaheddin-Kommandanten, in seiner schlichten Art: "Der Friede ist so nah. Man darf ihn jetzt nicht zerstören." Der gleichen Meinung ist auch Gulbuddin Hekmatyar. Doch seine Vorstellungen vom Frieden sehen anders aus. Er will die Macht in Kabul, und zwar allein. Sein Ultimatum läuft am 27. April aus. Wer die Hauptstadt kontrolliert, der beherrscht auch das Land, heißt es. Doch die Realität wich stets davon ab. Am Land der Afghanen haben sich bisher alle die Zähne ausgebissen: Alexander der Große, Dschingis-Khan, die Moguln, die britischen Kolonialherren, zuletzt sogar die Supermacht Sowjetunion. Wer in Kabul herrscht, dem gehört noch lange nicht das ganze Land.

Dennoch war der Wettlauf nach Kabul zwischen den beiden mächtigsten Mudschaheddin-Führern wohl unvermeidlich. UN-Unterhändler Benon Sevan, dessen Friedensplan noch vor zwei Wochen so erfolgversprechend schien, eilte vermittelnd zwischen den Fronten hin und her, ständig das Beispiel Somalia vor Augen. Dort führen die Aufständischen einen Vernichtungskrieg gegeneinander, nachdem sie gemeinsam den Diktator gestürzt haben. Wiederholt sich dasselbe in Kabul, nachdem die großen Provinzhauptstädte Herat, Kandahar und Dschalalabad kampflos gefallen sind?

Sevan versucht immer noch, "irgend etwas Breitgefächertes", wie er das nennt, zustande zu bringen, also eine Übergangsregierung. Sie soll alle in Afghanistan maßgeblichen Kräfte repräsentieren: die Kommandanten, die Exil-Parteien, die Stämme, die Geistlichkeit, aber auch die "akzeptablen Elemente" des bisherigen Regimes. Nur wenn sie alle eingebunden werden, könnte der Bürgerkrieg verhindert werden. Ahmed Shah Massud scheint das zu wissen. Aber Gulbuddin will es nicht wissen.

Der radikalste unter den islamistischen Widerstandsführern wittert jetzt die einmalige Chance, einen zentralistischen, von einer islamischen Einheitspartei beherrschten Staat zu schaffen. Denn je länger der Schwebezustand dauert, um so stärker werden die traditionellen Stammes- und Regionalverbände die Teilhabe an der Macht fordern. Der Chef der Hizb-e-Islami, der Islamischen Partei, sucht deshalb die militärische Entscheidung erst recht, wenn die anderen Mudschaheddin ihn ausgrenzen. Er verfügt über mehr Geld und mehr Waffen als alle anderen.

Jahrelang leiteten Gulbuddins Freunde vom militärischen Geheimdienst in Pakistan den Löwenanteil der amerikanischen Millionenhilfe an Gulbuddin weiter. Dessen fundamentalistische Ideologie interessierte die Politiker in Washington wenig, solange er im Stellvertreterkrieg gegen die Sowjets nützlich war. "Wir sind keine Ajatollahs", versichert mit sanfter Stimme der 43jährige Gulbuddin. Der gelernte Ingenieur liebt es, im täglich frischen, gepflegten Gewand eines Sufi-Gelehrten aufzutreten.

Die Sunniten in Afghanistan sind weniger fremdenfeindlich und fanatisch als ihre schiitischen Glaubensgenossen im Iran. Aber Gulbuddin, seit früher Jugend Mitglied der weltweit aktiven Muslim-Brüderschaft, lehnt jede Form von demokratischem Pluralismus ab. Er bleibt verhaftet in einer vor 1300 Jahren formulierten Staatsideologie, die heute alle islamischen Fundamentalisten im Kampf gegen "westliche Dekadenz und amerikanischen Imperialismus" vereint. Seinen ehemaligen Gönnern fühlt er sich jedenfalls nicht zu Dankbarkeit verpflichtet. "Die wollten doch nur Rache nehmen für Vietnam", sagt er. Gulbuddin Hekmatyar, der Berufsrevolutionär, der bereits als Student gegen König Zahir Schah rebelliert hat, weil er dem Kreml Tür und Tor in Afghanistan geöffnet habe, lebt seit 1973 im Exil im pakistanischen Peschawar. Seine Mitstreiter in der brüchigen Sieben-Parteien-Allianz trauten dem undurchsichtigen Ehrgeizling, der bei der Beseitigung von Rivalen auch vor gewaltsamen Methoden nicht zurückschreckt, nie über den Weg. Der mit ihm verbündete Präsident der provisorischen Peschawar-Regierung, der gemäßigte Sibghatullah Mudschaddidi von der Nationalen Heilsfront, nannte ihn sogar einen Terroristen.