Wien, 8. April 1992

Sehr verehrter Herr Rektor!

Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Bitte vom 31. März (die mich freilich erst gestern erreicht hat), das Ehrendoktorat der Universität zu akzeptieren. Ebenso danke ich Ihren Kollegen, die trotz meiner nicht unbekannten Radikalität sich einstimmig hinter Ihre Bitte gestellt haben. Wenn ich diese nicht erfüllen kann, so nicht nur deshalb, weil ich

erstens seit Jahren, seit meiner Ablehnung des Gryphius-Preises, keine Ehrungen mehr entgegengenommen habe;

zweitens auch nicht nur deshalb, weil ich eine meiner Nebenschriften mit der Maxime eingeleitet habe, „Laß dich nur von denen ehren, die du selbst ehrst.“;

sondern und vor allem deshalb, weil ich es für moralisch abgeschmackt hielte, mich von jemandem ehren zu lassen, der seit Jahren (hoffentlich nur unüberlegt und nicht unbedingt als Zeichen seines politischen Einverständnisses) zwecks Ehrung Prominenter Gelder akzeptiert, von einem Geber, der immerhin während und nach der Hitlerzeit deutschnationale, wenn nicht sogar pangermanische Tendenzen finanziert hat, und der das auch heute noch tut. In meiner Einschätzung der Situation bestärkt mich schließlich die Tatsache, daß der erwähnte Geldgeber – vor 18 Jahren, also vor Ihrer Zeit und ohne Ihre persönliche Schuld – zum Ehrensenator Ihrer Universität ernannt worden war. Die „Ehrengesellschaft“, in die ich durch Annahme Ihrer huldvollen Bitte hineinrutschen würde, die paßt mir nicht.

Brief von Günther Anders an den Rektor der Universität Wien, die dem Schriftsteller und Philosophen ein Ehrendoktorat verleihen wollte. Anders, der kurz vor der Vollendung des 90. Lebensjahrs steht und in einem Wiener Pflegeheim lebt, war von der Hochschule in den 42 Jahren seit der Rückkehr aus dem Exil zu keinem Gastvortrag, keiner Vorlesung oder Diskussion eingeladen worden. Die Zuwendungen des deutschen Mäzens Alfred C. Toepfer sind in Österreich seit langem heftig umstritten.