Von Ludwig Hang

Wie kommt man nach Sylt? Am besten mit Phantasie. An jedem Zeitungskiosk auf der Insel wird eine Ansichtspostkarte verkauft, auf der ein Zug der Bundesbahn bei Sturmfahrt über den Hindenburgdamm zu bestaunen ist. Haushohe Wellen schlagen über den Waggons zusammen – eine bedrohliche Szenerie. Beim genauen Hinsehen jedoch erkennt man die List der Collagekunst: Die Wellen stammen von einem ganz anderen Bild, sie sind mit der Schere ausgeschnitten und effektvoll in den gewünschten Zusammenhang geklebt.

Auf der Insel Sylt ist alles anders, als man’s kennt. Es gibt Sturmtage mit Regen, Sturmtage ohne Regen, Dunsttage, Nebeltage, Sonnentage, doch immer kommt’s einem vor, als sei der Regen regnerischer, der Dunst dunstiger, der Nebel nebliger als anderswo, und wenn die Sonne scheint, ist es auf der Insel Sylt sonniger als im sonnigsten Landstrich der Erde. Die Dünen sind Saharadünen, die Strände Südseestrände: Als Max Frisch nach wochenlangem Aufenthalt von Kampen nach Keitum kam und wieder einmal Bäume sah, schrieb er in sein Tagebuch: „Was wir Landschaft nennen: das grüne Vergessen, daß wir auf einem Gestirn wohnen.“

Hier dreht sich das Gestirn nach dem Sylter Uhrzeigersinn, und wir fragen: Wo ist hinten, wo ist vorn? Wo ist oben, wo ist unten? Wir suchen uns Inselwege auf der Karte heraus, mit Vorbedacht und mit Phantasie.

Wenn wir schon einmal zu einer Kirche pilgern, dann liegt sie am Heidrand, wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist. Und wenn man hinkommt, ist auch dort alles anders als erwartet. In St. Severin zum Beispiel, abseits von Keitum auf der Geest gelegen, trägt Justitia statt Augenbinde, Waage und Schwert ein blutendes Herz in der Hand, die Steinlöwen als Füße des Taufbeckens sind. verkommene Untiere aus orientalischen Wüsten, und von dort scheint auch der sehnige Gesell herzukommen, der als geschnitzter Christus über dem Altar steht: ein friesischer Bursch im Lendenschurz, mit langen, dünnen Beinen und gestutztem Bart, ein besessener Seefahrer, der von langer Reise zurückgekehrt ist, damit er seinen Landsleuten die Barbarei austreibe.

„Jesus lebt!“ steht über dem Türbalken eines Westerländer Kapitänshauses zu lesen; der alte Marineflieger, der hier wohnt, tritt aus dem Haus, sieht uns über den Friedhof der Heimatlosen spazieren, kommt zu uns zwischen die Gräberreihen und beginnt zu erzählen. Er pflege die Gräber, sagt er, aber jedermann gehe achtlos vorüber, und die Sommertouristen seien noch gedankenloser als jene, die im Winter nach Sylt kämen. Hier sei eine Stätte der Einkehr, denn hier seien die namenlosen Gestrandeten aus dem vergangenen Jahrhundert beerdigt, all die armen Seelen, die bei Westerland und Rantum an Land gespült wurden und den ersten Badegästen ein gräßlicher Anblick waren. Nur Harm Musker aus Holtersehn habe man nach Strandung der Gerhardine am 3. Oktober 1890 identifizieren können, ein Schlüsselbund mit seinem Namen habe er bei sich getragen, doch die Eltern hätten den Sohn bei seinen toten Kameraden ruhen lassen wollen.

Der alte Herr zeigt uns den Stein aus rosa Granit, den Carmen Sylva, die Königin aus Rumänien, dem Friedhof als Gedenkstein gestiftet hat. Ihm ist eine Gedichtstrophe des Pfarrers Kösel eingemeißelt, darin reimt sich „Eiland“ auf „Heiland“, ein seltener, fast ein exotischer Reim, doch was kommt hier auf dieser fremdartigen Insel auf natürlichere Weise zusammen als ein solcher Reim? Auch selbst gedichtet hat die rumänische Königin, das wissen wir aus unserer Kinderzeit: In den dreißiger Jahren strotzten die Poesiealben der Mädchen von Carmen-Sylva-Versen mit riskantem Hintersinn: „Die feinsten Reben fordern / Nicht lauter Sonnenschein; / Erst Reif und Nebel zeugen / Den reichen Feuerwein.“