Von Pietro Scanzano

BIELEFELD. – Wer in jüngster Zeit italienische Zeitungen gelesen hat oder gar über Satellit italienische Fernsehprogramme empfängt, dem wird es vermutlich wie einem Freund von mir ergangen sein. Er konnte zwar seine Sprachkenntnisse festigen, mußte aber zugleich eine gehörige Portion Schimpfwörter in sein Vokabular aufnehmen. Mehr noch: Er ist zu der Überzeugung gelangt, daß diese Schimpfwörter, die parolacce, es zu einer bis dato unbekannten Verbreitung in der Alltagssprache gebracht haben.

Mit seiner Einschätzung liegt dieser Freund völlig richtig. Das parlar male, das Schlechtreden, das turpiloquio, das Zotenreißen, und die maldicenza – was sowohl Lästersucht als auch üble Nachrede bedeutet –, all dies prägt heute die Umgangsformen in der italienischen Öffentlichkeit. Ein Gattungswort wie Arschlecker – um ein Exempel zu nennen –, an eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens gerichtet und vor laufenden Kameras ausgesprochen, erregt heute in Italien kaum mehr die Gemüter.

Das Phänomen der öffentlichen Lästerei ist nicht auf Italien beschränkt; es greift um sich in der zivilisierten Welt. Man denke an das lose Mundwerk der französischen Exministerpräsidentin Edith Cresson oder an die Schlammschlachten des US-Wahlkampfes. Gleichwohl hat die öffentliche Flucherei in Italien etwas Eigentümliches. Es mag am universalistischen Anspruch (ein Erbe der Renaissance) liegen, mit dem im Stiefelland die kleinsten Dinge angegangen werden. Tatsache ist, daß die üble Nachrede in Italien überall zu florieren scheint. Nicht nur in der Politik, sondern auch in Kultur, Sport und Wirtschaft.

„Ein jeder redet nur so, wie er lebt, und wer schlecht lebt – der redet noch schlechter.“ Liefert dieser Spruch aus der Barockzeit die Diagnose für unsere Zustände, oder gründen sie eher im postmodernen Diktum „Freies (Schimpf-) Wort für freie Bürger“? Reden die Italiener also schlecht, weil es Italien schlechtgeht – oder reden sie schlecht, weil sie frei sind? Das Fieber der maldicenza hat ganz Italien angesteckt, vom letzten bis zum ersten Mann im Staate. Eröffnet hat den Reigen der öffentlichen Lästerei, vor etwa zweieinhalb Jahren, kein Geringerer als Staatspräsident Francesco Cossiga. Man stelle sich vor, Richard von Weizsäcker bekräftigte eine in den Medien ausgetragene Auseinandersetzung mit den Richtern des Bundesgerichtshofes mit dem Argument, die deutschen Richter hätten ein Benehmen „wie im Puff“ (fanno solo casino). Oder der Bundespräsident würde in einem Interview behaupten, dieser Abgeordnete sei ein Analphabet, jener ein Idiot; und er riete einem dritten, einen Psychiater aufzustehen. Oder er würde Journalisten als „faselnde, elendige, feige Tölpel“ und als „Vertreter einer Subkultur“ bezeichnen – in der Tradition eines Franz Josef Strauß.

Roberto d’Agostino, ein landesweit bekannter leidenschaftlicher Flucher, behauptet, die Lästersucht sei eine Grundeigenschaft der Italiener. Ihre Ursache liege darin, „daß die Italiener ein Mittelmeervolk sind und wie alle Völker aus diesem Raum in ihrem Zentrum diese rhetorische Figur haben, die die Piazza ist“. Auf der Piazza aber gibt man sich dem Klatsch, dem Geschwätz, der Lästerei hin.

Es gibt eine gelehrte maldicenza, wie beispielsweise Dante oder Pietro Aretino sie in der Renaissance betrieben. Ein Schlechtreden, das Tiefgang hat. Doch heute vernimmt man in Italien mehrheitlich das Geschwätz von Leuten, die nicht einmal über die kulturellen und sprachlichen Mittel verfügen, um anderen auf intelligente Weise etwas Böses nachzusagen.