Von Hansjakob Stehle

In Belgrad, der serbischen Hauptstadt des zerbrochenen Jugoslawien, ist bislang nicht geschossen worden. Noch streitet man ohne Waffen, flüchtet sich in die Fiktion einer neuen "Bundesrepublik Jugoslawien", die nur aus Serbien und Montenegro besteht, und läßt derweil die Armee den Krieg exportieren. Nach Kroatien ist nun Bosnien-Herzegowina an der Reihe. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter. Und wieder wurde – auch das gehört zum Ritual kollektiver Selbstbeschwichtigung und -täuschung – mit viel Wortgeklingel eine Waffenruhe beschworen, die nur Stunden hielt.

Es war in Sarajewo, der Stadt, in der einmal ein Weltbrand entzündet wurde. Die Vermittler-Delegation der Europäischen Gemeinschaft konnte es nicht einmal wagen, den Flugplatz zu verlassen, als sie vorige Woche dort gelandet war. Immerhin blieb ihr dadurch der Anblick von Zerstörung und Elend erspart – und der Verlust von Illusionen.

Man sei "am Ende des Tunnels" angekommen, sagte der Portugiese Pinheiro und meinte einen Schimmer von Licht zu erkennen. Und sein Kollege, der unerschütterliche Lord Carrington, frohlockte geradezu, als das geduldige Papier schon nach drei Stunden des Verhandelns mit der serbischen, bosnischen und kroatischen Unterschrift verziert war: "Wir mußten keinen Druck ausüben", erklärte er nach der Ankunft in Belgrad, wo er – wie es sich protokollarisch gehört – dem Präsidenten Milošević das Ergebnis vorlegte. Dieser lächelte wie eine Sphinx: "Politischer Druck kommt doch nur von Akteuren, die Jugoslawien zerstören wollen." Und: "Im Moment gibt es Waffenruhe." Dieser Augenblick war kurz ...

Eine lange Geschichte jedoch haben der serbische Traum und die Wirklichkeit vom großen völkervereinnahmenden Jugoslawien (auf deutsch: Süd-Slawien). Es ist die Geschichte einer nationalen Existenzangst, die in den Kampf treibt, zugleich aber verunsichert und verwirrt. Nicht von ungefähr unterstützen gegenwärtig (laut Meinungsumfragen) nur noch 29 Prozent der Serben die undurchsichtige, aus Militanz und Schläue gemischte Politik Milošević’. Seine ehemals kommunistische, nur schwach demokratisch eingefärbte Sozialistenpartei ist den Rechtsradikalen nicht genug nationalistisch, der linksliberalen Opposition zu aggressiv. Und fast zwei Drittel der Serben wollen gegenwärtig überhaupt keinen der Politiker unterstützen, die von sich reden machen.

Setzen sie ihre Hoffnung auf die Armee, die noch immer den Namen des "jugoslawischen Volkes" für sich beansprucht? Auch serbische Mütter weinen wie kroatische und bosnische Mütter um ihre Söhne, die im schmutzigen Kriegsspiel zugleich Opfer und Täter sind. Fünfzehntausend sind desertiert, viele Tausende haben ihre Mobilisierungsbefehle zerrissen. Doch die meisten umarmen wildromantisch ihre Waffen wie Geliebte – nicht anders, als es kroatische und bosnische Freischärler und Soldaten auch tun. Hinter den serbischen Kämpfern steht freilich eben jene "Volksarmee", die als die viertgrößte Europas galt und in Bosnien-Herzegowina zwei Drittel ihrer meist nicht mehr produzierenden Rüstungsfabriken zu "verteidigen" hat, vor allem auf muslimisch und kroatisch besiedeltem Gebiet.

Gewiß nicht die alleinige, aber die Hauptschuld am immer wieder eskalierenden. Blutrausch und an der Zerstörungswut tragen die Generale, ein Offizierskorps, das einst über mehr als die Hälfte des Belgrader Bundeshaushalts verfügen konnte. Seit vier Jahren sehen die Militärführer ihr Prestige und ihre Privilegien schwinden und klammern sich nun um so mehr an vulgärmarxistische Reliquien, die mit nationalistischen Mythen verbrämt werden. Ob Milošević’ "neues Jugoslawien" der Armee eine Perspektive bieten kann, erscheint fraglich. Müßte er selbst nicht fürchten, erdrückt zu werden, falls diese Armee sich als Heerschar Arbeitsloser und Heimatloser nach Serbien und Montenegro zurückziehen würde? Vorläufig, "die nächsten fünf Jahre", wird sie dies ohnehin nicht tun, hat einer jener Generale versichert, die sich so gern in Heldenpose vor Ruinen photographieren lassen.