Schon hat ihnen Milošević aber "diskret" ein ermunterndes Signal gegeben. Während er gegenüber Lord Carrington Wohlverhalten beteuerte, die "Verleumdungskampagne des Auslands" und jede Mitverantwortung an der Tragödie zurückwies, ließ er beiläufig verlauten: Die "Bundesrepublik Jugoslawien", die am vorigen Montag proklamiert wurde, habe "elf Millionen Einwohner". Da aber ihre Bestandteile Serbien und Montenegro höchstens neuneinhalb Millionen Bürger zählen, hat der Belgrader Präsident also bereits die serbisch besiedelten Gebiete Bosniens und Kroatiens, deren Anschluß mit aller Gewalt betrieben wird, hinzugezählt.

Wenig kümmert einen trunkenen Nationalismus die ernüchternde Tatsache, daß – wie die Ekonomska Politika berichtet – vierzig Prozent der Bewohner Belgrads jetzt am Rande des Existenzminimums leben und – wie ein Experte in der Vreme schrieb – Serbien durch die Kriegswirtschaft "in die Steinzeit" zurückzufallen droht. Das Phantom neuer, wenigstens territorialer Größe soll Kleinmut ausgleichen und die Wunden der Amputation des alten Jugoslawien heilen helfen.

Dieser Traum und seine psychologische Function haben tiefe, im übrigen Europa kaum noch wahrgenommene, historische Wurzeln. Sie reiciten zurück bis in jenes freilich kaum 25 Jahre dauernde Groß-Serbische Reich, das Kaiser Stephan Dušan im 14. Jahrhundert schuf; es vereinte mit Serbien ganz Mazedonien, Albanien, ja Griechenland bis zum Peloponnes und reichte bis hundert Kilometer vor Athen. Byzantinisch-orthodoxes Christentum gab ihm die auch politisch mystifizierbare Weihe. Die Klöster mit ihrer herben Zucht und ihrer gefühlsintensiven religiösen Ästhetik vermittelten eine bäuerlich-nationale Kultur. Bis dann der Türkensturm, vom Islam angefacht, serbischer Vorherrschaft auf dem Balken ein Ende machte: in der Schlacht auf dem Kosovo Polje, dem Amselfeld, im Jahre 1389. Es war ein Schock, der bis in die Gegenwart nachzuwirken scheint und den Traum von Größe auch zum Trauma werden läßt.

Noch 600 Jahre später, 1989, diente das Jubiläum jener Niederlage, die nur Folge von "Zwietracht und Verrat" gewesen sei, dem exkommunistischen Volkstribunen Milošević zur demagogischen Rechtfertigung serbischer Diskriminierungspolitik gegen die Albaner im Kosovo. Der einstige Kampf gehe weiter, rief er, auch eine bewaffnete Auseinandersetzung sei "nicht auszuschließen". Es war leicht, die Emotionen dieses Volkes, selbst in Kreisen seiner Intelligenz, aufzuwühlen. Denn die "Seele" der Serben, von der sie selbst oft sprechen und die sie in heroischen Balladen seit dem Mittelalter besingen, scheint empfindsam und robust zugleich zu sein, widersprüchlich hin und her gerissen. Christine von Kohl, eine dänische Publizistin, die siebzehn Jahre in Belgrad lebte, meint, daß dies den Blick vieler Europäer auf die Serben trübe: Den weiter Entfernten, wie Angelsachsen und Franzosen, erscheine dieses Volk stolz, tapfer und temperamentvoll, den unmittelbaren Nachbarn jedoch brutal, überheblich, stur.

Sowenig sich Völker derart pauschal charakterisieren lassen, in der "serbischen Seele" haben offenbar die 400 Jahre unter türkisch-osmanischer Herrschaft ihre Spuren hinterlassen. Aber auch, daß sie als erstes der Balkanvölker einen Aufstand wagten, der blutig scheiterte und dessen Anführer später ermordet wurde. Nicht von den Türken, sondern von seinem Rivalen, einem Bauernsohn, dem 1815 der zweite Aufstand so glückte, daß ihn die Türken als Erbfürsten unter ihren Fittichen anerkannten. Sein Sohn und Nachfolger, durch einen Aufstand des eigenen Volkes gestürzt, doch nach sechzehn Jahren Exil zurückgekehrt, erreichte 1867 den Abzug der letzten türkischen Truppen und wurde ein Jahr danach ermordet – von Anhängern einer rivalisierenden Dynastie, die dann jahrzehntelang als Könige Serbiens, später Jugoslawiens, regierten. Und noch zweimal, 1903 und 1934, kam es zum Mord am jeweiligen Monarchen ...

Lag es nur daran, daß Serbiens politische Kultur seinen überhitzten Ambitionen nachhinkte? Daß es im Spannungsfeld rivalisierender Großmächte selbst "groß" werden wollte? Seit dem Berliner Kongreß von 1878 war Serbien ein souveräner Staat, der vom Zerfall des türkischen Imperiums profitieren und sich weiter ausdehnen wollte. Die Methode, "Blut und Eisen", hatte Bismarck, der "ehrliche Makler" in Berlin, bei der deutschen Einigung "1871 vorexerziert. Die Frage war nur, ob Serbien sich Rückendeckung durch Österreich-Ungarn verschaffen konnte (das 1908 Bosnien annektierte und dessen kroatische Untertanen unruhig wurden) oder durch den mächtigen slawischen Bruder Rußland.

Panslawismus hieß die modische Ideologie, die aus Rußland kam und nicht nur jugendliche Gemüter erhitzte. Vom Moskauer Gesandten in Belgrad vermittelt, kam dann zwischen Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland ein Militärpakt zustande. Die Verbündeten schlugen zwar im Ersten Balkankrieg (1912) die Türken, zerstritten sich aber sofort über die Teilung der Beute so heftig, daß Serbien mit Hilfe der Türken im Zweiten Balkankrieg (1913) die Bulgaren besiegen mußte, um einen großen Teil Makedoniens behalten zu können. Als vergeblich erwies sich hingegen der serbische Vorstoß zum Adriatischen Meer nach Durres (Durazzo): Von Albanien, das unter einem deutschen (!) Prinzen zu Wied selbständig wurde, blieb den Serben nur ein Teil des Kosovo.