Von Alexander Jung

Bis die Lava den Kirschbaum für immer verschluckt hat, vergehen zwei Stunden und zehn Minuten. Die graue, dampfende Masse ist hoch wie eine Kohlenhalde. Sie kriecht unaufhaltsam voran und drängt ganz langsam, aber stetig gegen den Stamm. Quietschend gibt er nach und neigt sich zur Seite. Große Brocken fallen aus der Schubmasse, brechen auseinander. Der glutrote Inhalt wird sichtbar. Bei der Berührung mit Luft legt sich über den zähen Brei sogleich eine feine Kruste, die sich bizarr verwirft. Das Geäst knackt leise; es verbrennt nicht, sondern flackert nur kurz auf und wird förmlich erstickt. Kleine, schon erkaltete Steine rieseln drüber und klirren wie Scherben. Schließlich ragt nur noch ein Blütenzweig heraus: Der Baum hat sich dem Berg ergeben.

Einige Meter entfernt, dort wo die Hitze wieder erträglich wird, beobachtet Alfio Grasso mit starrem Blick, wie die archaischen Kräfte der Natur Bäume und Weinstöcke seines Gartens auf fünfzehn Metern Breite niederwalzen. „Sicher bin ich traurig“, murmelt der 55jährige, „aber das Risiko habe ich immer gekannt und akzeptiert.“ 1984 zerstörte das große Erdbeben schon sein Haus. Trotzdem will er nicht fort von Zafferana, dem kleinen Ort am Osthang des 3350 Meter hohen Ätna, an den die Lava ständig näher heranrückt. „Hier kann ich im Meer baden und am Berg Ski fahren, und hier gibt es wunderbar fruchtbaren Boden – die Lava gehört eben auch dazu“, erklärt er und deutet auf den schneebedeckten Gipfel des Vulkans. „Der Ätna gibt uns viel und nimmt uns auch gelegentlich etwas.“

Im Dezember war Europas aktivster Vulkan, dessen „ungeheuer dampfendes Feuerwerk“ schon Goethe auf seiner „Italienischen Reise“ im Mai 1787 beeindruckt hatte, an der Südostflanke in 2400 Meter Höhe ausgebrochen. Die über tausend Grad heiße Lava floß 200 Meter weit, grottete sich dann ein und fraß sich in fünfzehn Tagen durch unterirdische Kanäle sechs Kilometer talwärts, bevor sie in der Höhe von tausend Metern wieder auftauchte. Der schützende Tunnel hatte sie flüssig und heiß gehalten.

In Windeseile bauten die Bürger von Zafferana gemeinsam mit Zivilschutzhelfern und italienischen Soldaten rund um die Uhr an einem riesigen Wall: 42 Meter hoch, 120 Meter breit. Vorerst schien die gefährliche Situation entschärft. Bis April wurde weiter nichts unternommen, den unaufhörlichen Strom der Lava umzuleiten, der sich vor dem Damm aufgestaut hatte. In jeder Sekunde quollen siebzehn Kubikmeter kochendes Magma aus dem Schlund des Vulkans – soviel, wie drei Lastzüge tragen können.

Alfio Leonardi, der Bürgermeister von Zafferana, war weiter besorgt um seine Stadt und forderte die Präfektur der Provinz Catania und den Minister für Zivilschutz auf, doch endlich etwas zu unternehmen. Die Lava werde bestimmt bald zum Stillstand kommen, versicherte man ihm. Als er aber nicht lockerließ, drohte man ihm sogar mit Amtsenthebung. Was Leonardi befürchtet hatte, geschah am 7. April: Die Lava kroch über den Damm und ergoß sich ins Val Calanna. Dieses Tal führt geradewegs nach Zafferana.

Viele der 7500 Bürger halten es nicht für einen Zufall, daß genau die drei Monate ungenutzt verstrichen, die den nationalen Wahlen vorangingen. „Das Ganze ist doch eine politische Sache“, brummt Giacomo Caristia, einer der Männer, die gerade auf der Piazza Umberto diskutieren. „Vor lauter Wahlkampf haben die unser Problem vergessen“, sagt er. Giuseppe Finchera stimmt ihm zu. Sein Landhaus, das oberhalb von Zafferana lag, war das erste, das von den Lavamassen überrollt wurde. „Das hätte nicht sein müssen. Jetzt muß ich für die Verzögerung zahlen“, zürnt er. Bevor die Hauswand einstürzte, pinselte der 48jährige „Grazie Governo – Danke, Regierung“ dran und stellte für seinen letzten Gast, den Vulkan, eine Flasche Wein auf den Terrassentisch, „weil der Ätna bestimmt durstig ist“.