Von Theo Sommer

Achtzehn Jahre lang wird Hans-Dietrich Genscher Außenminister der Bundesrepublik gewesen sein, wenn er am 17. Mai das Auswärtige Amt abgibt. Ein Jahr länger, und er hätte den deutschen Amtszeit-Rekord gebrochen, den Otto von Bismarck aufgestellt hat. Anders als der Fürst jedoch, der dem Unmut seines Souveräns weichen mußte, kündigte Genscher seinen Rücktritt aus freien Stücken an. Der Umfrage-Liebling der Deutschen wollte nicht erst abwarten, bis Unmut sich über seinem Haupt zusammenballte. Lieber zieht er sich in Respekt vor den zeitlichen Grenzen zurück, die jeglicher Amtsausübung in der Demokratie gesetzt sind.

Genscher, der Innenpolitiker, war kein geborener Außenminister, und er trat sein Amt im finsteren Schatten der Guillaume-Krise an. Aber er gewann bald an Sicherheit auf dem diplomatischen Parkett, an Statur, an politischem Gewicht. Viele, die ihn zu Beginn scheel ansahen, seine "Aalglattheit" oder "Zwielichtigkeit" anprangerten und über den "Superschlangenmenschen" herzogen, haben ihm inzwischen Abbitte getan. Er gehörte am Ende nicht nur zum fixen Mobiliar der internationalen Politik; er war auch ein verläßliches Element der Kontinuität.

Nicht, daß er seine Pfiffigkeit verloren hätte, sein mimikryhaftes Anpassungsvermögen, seine Vorliebe für wattige Begriffe, weiche Kompromisse, slalomhaftes Vorgehen. Aber er ist zugleich wendig und beständig, geschmeidig und entschieden, fußflink und trittfest – ein diplomatischer Profi, der längst zum Staatsmann reifte. Hinter aller Taktik versteckt sich ein Stratege. Genscher denkt immer in Optionen, doch kennt er seine Ziele. Er zelebriert die Zweckmäßigkeit, doch verliert er seine Prinzipien nie aus dem Sinn.

In der Rückschau auf Genschers achtzehn Jahre in der Adenauerallee sticht denn auch die Konstanz seiner Ansichten hervor, nicht das Gewackel und Gefackel, das so oft Gegenstand hämischer Betrachtung gewesen ist – und nicht immer zu Unrecht.

Genscher war stets ein Patriot, nie ein Nationalist. Der Wiedervereinigung galt sein "sehnlichster politischer Wunsch". Indessen gab der Hallenser sich nie für Versuche her, die Verankerung der Bundesrepublik im Westen zu lockern oder zu lösen, um die deutsche Einheit zu erlangen. Nun, da sie Wirklichkeit geworden ist, warnt er erst recht vor nationalen Alleingängen. Der deutschen Einigung will er die europäische Einigung folgen lassen. Seinen Landsleuten rief er immer wieder zu: "Lassen Sie uns gute Deutsche sein, indem wir gute Europäer sind."

In den Anfängen seiner Amtszeit mochte Genscher mit der Ostpolitik seine Schwierigkeiten gehabt haben. Aber bald mauserte er sich zu einem Vorkämpfer der Entspannung: auf dem Felde der KSZE; im Abrüstungsbereich, wo er ohne Unterlaß eine "Modernisierung des Denkens anstelle der Waffensysteme" forderte; vor allen Dingen im Verhältnis zu Michail Gorbatschow, demgegenüber er schon Anfang 1987 in Davos Zusammenarbeit predigte: "Nehmen wir Gorbatschow ernst, nehmen wir ihn beim Wort!" Damals schäumten in Bonn und München die "Stahlhelmer" gegen den Bundesaußenminister, in Washington die Hardliner. "Genscherist" war ein übles Schimpfwort. Heute gibt es von Vancouver bis Wladiwostok nur noch Genscheristen.

Hans-Dietrich Genscher war ein großer Außenminister unseres Landes. In einem freilich mag er sich täuschen: in der Annahme, es bleibe nichts mehr zu tun. "Ich verlasse mein Amt in einem Zeitpunkt", sagt der scheidende Minister in seiner Abschiedserklärung, "in dem die Grundlinien der deutschen Außenpolitik eindeutig vorgegeben sind." Aber sind sie es wirklich? Auf einmal ist die Europäische Union auch hierzulande umstritten. Das deutsch-französische Verhältnis bedarf der entschlossenen Gestaltung. Das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten wandelt sich von geostrategischer Traulichkeit zu geoökonomischer Rivalität. Die Zukunft Osteuropas ist umwölkt. Deutschlands Rolle auf der Weltbühne bleibt innenpolitisch umstritten.

Der Lotse geht von Bord. Die Geschichte jedoch hört mit Genschers Rücktritt nicht auf. Die Republik muß sich wünschen, daß die Nachfolgerin in ihrem neuen Amt Talent und Durchsetzungsvermögen entfaltet. Aber wundern darf man sich schon, wie heutzutage Ministerposten als Pfründen behandelt und einfach im parteiinternen Schacher vergeben werden.