Von Gunter Hofmann

Hans-Dietrich Genscher hat alle mit der Ankündigung seines Abschieds überrascht. Noch fällt es schwer, sich die deutsche Außenpolitik ohne ihn vorzustellen – ja: die Politik überhaupt und speziell Bonn. Genscher genießt den Überraschungseffekt. Master of ceremony zu sein, das gelingt in der Politik heutzutage kaum noch jemandem. Fast immer diktieren die Verhältnisse den Politikern, was geschieht.

Angekündigt hatte Genscher seinen Rückzug nicht nur mit dem überlauten Geburtstagsfestival, auf dem er sich in Halle und anderswo am 21. März, 65 Jahre alt, feiern ließ. Angekündigt – und das ist ihm wichtig – hatte er es zu Jahresbeginn auch Helmut Kohl – und verklausuliert, wie gewohnt, am 3. Januar auch in einem Fernsehgespräch mit dem Mitteldeutschen Rundfunk. Niemand nahm es wahr.

Im kleinsten Kreis plauderte Genscher gleichfalls in diesem Sinne. Er zähle, gewiß wie der Kanzler auch, zu den Politikern, die sich einen Abschied ohne Vorankündigung vorstellen könnten. Motto: "An der Börse wird nicht geklingelt." Amtsinhaber seit achtzehn Jahren, das rühre an demokratische Fragen, besonders bei einem Liberalen.

Genscher trieb der Gedanke ans Abschiednehmen um. Aber durfte man dies auch schreiben? Als hätte er es geahnt, kam sein Anruf: Um Himmels willen, ein so heikles Thema, Nachtgedanken sozusagen, das werde doch nicht an die große Glocke gehängt?

Jetzt aber, ganz unschuldig, erinnert Genscher alle Welt und die lieben Parteifreunde ein bißchen lachend daran, sie hätten eben nicht genau zugehört. Am 3. Januar hat er doch alles gesagt. Nachzulesen im Originalton. Und hat er nicht obendrein jede Karnevalssitzung dazu benutzt, sich selber als eine Art Gromyko der deutschen Politik, der längst überfällig ist, zu karikieren?

So ist Hans-Dietrich Genscher: ein unvergleichlicher Politiker, der mehr als die Hälfte der 42 Jahre Bundesrepublik auf Bonner Ministersesseln verbrachte, ein wahrhaft ungewöhnlicher Lebenslauf, wie Helmut Kohl das respektvoll sagt. Auf beispiellose Weise ist er ein öffentliches Wesen geworden.

Wie transparent etwas wird und was öffentlich werden soll, das allerdings will er stets selbst bestimmen. Genschers Liebe zur öffentlichen Politikdarstellung und Selbstinszenierung ist die eine Seite der Medaille, seine Neigung zur Übervorsicht die andere.

Die Überraschung, die Genscher ausgelöst hat, hängt auch mit der Erfahrung zusammen, wie schwer Politikern das Abschiednehmen aus freien Stücken fällt. Ähnliche Beispiele sind rar: Willy Brandt und Hans-Jochen Vogel, aber dann stockt man schon.

In Deutschland verbindet sich Abschied aus der Politik offenbar mit dem Gefühl des Gescheitertseins. Rolf Zundel gab dem in einem seiner letzten ZEIT-Aufsätze eine ganz prinzipielle Deutung. Der Beruf des Politikers verführe, ja zwinge dazu festzuhalten – "die Macht, die Menschen, das Glück, das Bild der Omnipotenz". Die Erkenntnis, daß jeder Abschied auch ein Anfang sei, werde den Politikern bitter hart. Sie arbeiteten also an "verkappten Unsterblichkeitsprojektionen".

Mit dem Abschied, den er nun zum Akt demokratischer Kultur verklärt, nach achtzehn Jahren immerhin, hat Genscher sich gewiß nicht leichtgetan. Er darf sich nicht wundern, daß es auch weniger prinzipielle Deutungen seines Abschieds gibt als jene, denen Zundel nachspürte. Schon setzt die Union alte Gerüchte neu in die Welt: Den Minister, der das Wunder vollbracht hat, fast ohne jede größere Affäre amtiert zu haben, holten vielleicht doch noch Affären ein. Es geht um Waffen für den Iran. Aber dem kann Genscher neben allen sachlichen Dementis entgegenhalten, daß er früh und als erster von sich aus über seinen Abschied nachgrübelte, halb öffentlich und bei Helmut Kohl.

Die Angst wiederum, als Gescheiterter zu gehen, muß Genscher ohnehin nicht plagen. Er steht – gerade noch – auf dem Zenit seines Ansehens. Forscht man nach Motiven dafür, den Entschluß jetzt bekanntzugeben, kommt man vor allem zu dem Ergebnis: Er geht eben, solange er von dem Niedergang der Politik im allgemeinen, aber speziell von dem sinkenden Prestige Kohls und seiner Regierung noch nicht tangiert ist.

Mit der "hohen Zustimmung" für seine Politik hat Genscher auch noch in seiner Rücktrittserklärung begründet, warum er sein Amt eine "für eine Demokratie außergewöhnlich lange Zeit" ausübte. Sein Verbleiben im Amt sei 1983, 1987 und 1990 zur Wahlentscheidung gestellt worden. Nach so langer Amtsdauer wolle er das nicht noch einmal so machen. Er halte die Zeit für gekommen, "aus freiem Entschluß und in gebührendem Abstand vor der nächsten Bundestagswahl das Amt des Bundesministers des Auswärtigen aufzugeben".

Das klingt alles sehr edel und selbstlos – zu edel und selbstlos, als daß es schon die ganze Wahrheit sein könnte. Aber trotz dieser späten Einsicht nach achtzehn Jahren – eine hohe Empfindlichkeit für das Demokratieverständnis von Politik und Bürgern ist Genscher über all die Jahre hinweg nicht abzusprechen. Er ist ein Fuchs – aber auch ein Liberaler.

Fragen zum Zeitpunkt bleiben. Wenn er es für richtig hält, am 17. Mai auszuscheiden, dem Tag, an dem er achtzehn Jahre im Amt ist, rechtzeitig genug vor der nächsten Bundestagswahl, damit der Nachfolger sich einarbeiten könne – müßte er dann nicht auch im Auge behalten haben, wer ihm nachfolgt? Und traut er Irmgard Schwaetzer das Zeug wirklich zu, die Kompetenz und die Autorität, den Eigensinn und die Liberalität, das schwierigste politische Ressort im Kabinett adäquat auszufüllen? Wenn aber nicht, wie stark hat er sich für eine andere Lösung gemacht?

Genscher geht mit dem Wort auf den Lippen, er sei doch kein Erbhofbauer. Gut so. Aber ob es ihm wirklich gefällt, wenn den Hof nach achtzehn Jahren andere bestellen, ohne oder gegen seinen Rat?

Er geht zu einer Zeit, in der die inneren Desorientierungen besonders groß sind. Die Koalition ist angeschlagen. Und die internationale Wahrnehmung der deutschen Rolle schlägt spürbar ins Skeptische um. Assertiveness wird uns nachgesagt, polterndes Auftrumpfen.

Bei aller neuen Unsicherheit, die sich seit 1991 offenbarte, ist Genscher der Stabilitätsfaktor der deutschen Diplomatie geblieben. Er galt als Garant der Verläßlichkeit, Kontinuität und Berechenbarkeit. Die großen Krisen sind es mindestens ebenso gewesen wie die Erfolge, die zu dem Genscher-Bild beitrugen, das öffentlich vorherrscht und ihn als den beliebtesten aller Politiker ausweist. Der Jurist aus Reideburg bei Halle, Jahrgang 1927, Anwalt, Fraktions- und Bundesgeschäftsführer der FDP, Innenminister, seit 1974 im Kabinett Schmidt dann Außenminister, verkörpert ein ganzes Stück Republik-Geschichte.

Als er 1982 das Ende der sozial-liberalen Koalition und den Sturz Schmidts herbeiführte oder zuließ, wie immer man es sehen will, galt er den verbitterten Sozialdemokraten als schrecklicher "Adventurist" (Klaus Bölling): einer, auf den man sich einfach nicht verlassen konnte. Das härteste und zugleich fairste Urteil, das damals über ihn gefällt worden ist, lautete anders: daß er zur geplanten Treulosigkeit viel zu schwach gewesen sei, Der Wende-Genscher verdiene eigentlich Mitleid, Die FDP aber habe dank Genscher "kein Herz mehr". In den Popularitätskurven sank er auf ein schmähliches Tief.

Die andere große Krise erlebte Genscher in der Außenpolitik. Das war die Phase, als er 1987 drängte, Michail Gorbatschow ernst und beim Wort zu nehmen. Zugleich kämpfte Genscher dagegen an, in einer neuen Raketenrüstungsrunde den Krieg der Systeme im Augenblick der beginnenden großen Erosion in Osteuropa zu verlängern und die Chance aufs Spiel zu setzen, die er witterte: die deutsche Einheit. In Washington wurde Genscher damals fast zur Persona non grata degradiert. Das Wort vom Genscherismus sollte ihn brandmarken. Später wurde beinahe ein Adelsprädikat daraus.

Nach der Wende mühte Genscher sich um neues Prestige an der Seite des Kanzlers Kohl. Er kniete sich in die Außenpolitik. Den FDP-Vorsitz gab er 1985 auf. Dezenter als früher, aber immer noch blieben Außen- und Innenpolitik bei ihm miteinander verwoben.

Im nachhinein sieht man genauer, daß gerade seine Schlüsselrolle in den sozial-liberalen und christdemokratischen Koalitionen dazu beitrug, neuen Rückhalt in allen politischen Lagern zu gewinnen. Dies hat ihn zu einer überparteilichen Instanz der Republik gemacht. Die Nachfrage nach solchen Instanzen aber wächst aus vielerlei Gründen.

Denen, die immer noch nicht glauben möchten, er sei der Stresemann der heutigen Zeit, präsentiert sich Hans-Dietrich Genscher unverändert als Onkel Lustig, als Großmeister der Leutseligkeit und als ballwütiger Tänzer der seriösen deutschen Snobiety.

Gustav Stresemann, nebenbei, der Außenminister des ersten großen deutschen Ausgleichsversuchs (1923 bis 1929), ist Genschers außenpolitische Leitfigur, ähnlich wie Thomas Dehler seine Leitfigur fürs Liberale ist. Stresemanns Konterfei hängt im düsteren Ministerbüro so, daß Genscher ihm vom Schreibtisch aus in das Gesicht blickt. Links ein Bild Bismarcks, daneben Büsten von Adenauer und Heinemann – die Symbolik im Amtsinterieur war immer sparsam.

So gesamtdeutsch-patriotisch Genschers Denken und Handeln auch immer grundiert waren, er hat die alte Bundesrepublik in vielfacher Weise repräsentiert. Darin steckt ein Stück seines Geheimnisses. Genscher verkörpert etwas von der heimlichen oder offenen Sehnsucht nach Harmonie, von den unausgesprochenen Wünschen und Widersprüchen, von dem Verlangen, eine akzeptierte Rolle als gute und lernfähige Deutsche zu spielen, aber durchaus die ökonomischen Eigeninteressen zu wahren – im Zweifel rücksichtslos.

Der Antikommunismus, den Genscher aus den DDR-Jahren mitbrachte, sein allmähliches, betont an den Westen angekoppeltes Bekenntnis zur Entspannungspolitik, die spätere Rolle des Wortführers in der Ostpolitik und des Ost-West-Ausgleichs (KSZE) – auch darin repräsentierte Genscher eine ganze Menge von deutschem Denken und deutschen Zeitverhältnissen.

Das führt bis hin zu seinem seltsamen Schwanken im Golfkrieg, als er zur eigenen Politik nicht richtig stehen wollte und dann den Schaden auf raschen Reisen im Nahen Osten wiedergutzumachen versuchte. Selbst für die Versuche läßt sich das sagen, in der Jugoslawienkrise endlich einigermaßen souverän eigene außenpolitische Akzente zu setzen und sich dennoch nicht vorwerfen lassen zu müssen, die besondere geschichtliche Verantwortung der Deutschen auch auf dem Balkan vergessen zu haben. In dieser Phase hat Genschers Außenpolitik, gerade weil sie unsicher blieb zwischen Auftrumpfen und Zurückhaltung, eine Menge widergespiegelt von den Unsicherheiten des größer gewordenen Deutschland.

Oft ist Genscher von seinen Widersachern des Opportunismus bezichtigt worden. Aber die öffentliche Person namens Hans-Dietrich Genscher lebte nun einmal in einem osmotischen Dauerzustand mit der Republik, so daß man am Ende nicht immer zu unterscheiden vermochte, ob er nur ausdrückt, was sie sich heimlich wünscht, oder ob er prägt und gestaltet, was aus ihr politisch werden sollte.

Was draußen gelegentlich als "Unzuverlässigkeit" gegeißelt wurde, galt drinnen geradezu als Ausweis der Verläßlichkeit. Mit der Zeit erkannte man die Handschrift Genschers, aber man erkannte in Genscher auch sich. Wenn es einen "Mister Mitte" der Bundesrepublik gibt, dann ist es Genscher.

Mit dem Namen des Kanzlers verband sich seit 1989 zusehends die deutsche Vereinigung. Genscher geriet damals in den Schatten. Gleichwohl muß man sagen: Die äußere Fundierung der Einheit, der Erfolg der Zwei-plus-vier-Verhandlungen, ist vornehmlich sein Kind. Ganz abgesehen davon, daß es seit Mitte der achtziger Jahre praktisch nichts gab, was er der Chance der Einheit, seinem Traum, nicht untergeordnet hätte.

Genschers Haltung zu Gorbatschow und Osteuropa ist historisch bestätigt worden. Kein Wunder, daß er verhalten triumphiert. Seine Kunst, die Außenpolitik als Prozeß zu betreiben, hat als Methode nicht versagt. Es ist daraus geradezu ein Prinzip Genscher geworden.

Das Wort, das er liebt, "Prozeßcharakter", können unsere besten Dolmetscher nicht wirklich ins Englische übersetzen, belustigt er sich. Und ausgerechnet in dieser Methode beruht seine Stärke. Keiner in Bonn macht ihm das nach. Und wo sonst in Europa, bitte, fragt Genscher ohne Scheu, sich selbst zu illuminieren.

Seinen großen Tag erlebte er, als er vom Balkon des Palais Lobkowicz in Prag den dort im Park der Botschaft versammelten DDR-Flüchtlingen die freie Ausreise verkündete. Mit der Unterschrift unter den Zwei-plus-vier-Vertrag endet dann seine große Erfolgsgeschichte. Ob der Mann der ausgehenden Epoche auch noch der Mann für die neue Ära war?

Seine Karriere war außergewöhnlich. Es ist niemand zu sehen, der sich auf die Außenpolitik auch nur annähernd so versiert und zuverlässig verstünde wie er. Das ist sein Erfolg und Mißerfolg zugleich. In diesem Sinne geht Genscher zu spät.

Was aber die neuen Unsicherheiten betrifft, die Rollenerwartungen an die Außenpolitik und die Neigung so mancher Landsleute, mit den Muskeln zu spielen, deutsch und tough und gar nicht so europäisch, so geht er zu früh. Aus diesem Dilemma gab es keinen glücklichen Ausweg.

Die FDP, an deren Spitze Genscher von 1974 bis 1985 stand, ist nicht in bester Verfassung. Daß er wirklich bis heute der heimliche Vorsitzende geblieben ist, erst unter Martin Bangemann, dann unter Otto Graf Lambsdorff, ist gar nicht so sicher. Lambsdorff hat mehr internen Einfluß, als gewöhnlich sichtbar wird. Er assistiert Kohl, Kohl hilft ihm. Das macht sich bezahlt. Kein Wort läßt Genscher darüber öffentlich werden. Auch das deutet eher darauf hin, daß nicht nur der Außenminister, sondern auch der liberale Großmeister sich selber bereits ein bißchen überlebt hat.

Genscher hat nicht die Versäumnisse übersehen, die der Regierung – und seiner Partei – im Vereinigungsprozeß unterlaufen sind. Er wußte, daß es nötig war, in Deutschland einen Neuanfang großen Maßstabs zu wagen, aber er wußte auch, daß dies im Ansatz mißglückt war. Es fehlte ihm die Kraft oder die Inspiration, dies gegen die Besitzstandswahrer zu ändern. Er sah, daß der Zusammenbruch in Osteuropa die große Chance des Liberalismus hätte sein können. Beunruhigt beobachtete er, wie seine Partei sitzenblieb, als wäre alles beim alten. Die gewünschte Kulturrevolution erreichte er nicht. Die Genscher-Dämmerung hatte bereits begonnen.

Jetzt erwünscht er sich von seinem Rückzug die Folgen, die er vorher nicht mehr zu bewerkstelligen vermochte. Abgeordneter will er sein. Bundespräsident möchte er nicht werden, auch nicht Delors-Nachfolger in Brüssel – "nein, nein, nein, glauben Sie mir"! Auch wenn man ihm glaubt, es schließt ja nichts aus.

Darüber allerdings, daß es in Deutschland so wenige elder statesmen gebe, die ohne Amt und Würde Autorität genießen und ausüben können, moralisch-politische Einflußinstitutionen – darüber hat er schon spekuliert, als er zum ersten Mal über seine Nacht- und Rückzugsgedanken sprach.

Fehlt es nicht an Personen, die genug Reputation und Erfahrung angesammelt haben? Die nicht verknüpft werden mit platter Parteipolitik? Die ihr Wort in die Waagschale werfen könnten? Rasch hatte Genscher die Namen, die ihm dazu einfielen, an einer Hand abgezählt. So etwa stellt er sich vor, was aus ihm werden soll. Auch wenn er im Moment des Abschiednehmens das Wort vom elder statesman, das so nach Altenteil und Entrücktheit schmeckt, nicht gern hören mag.