Von Harry Maier

Die Reformschritte Jelzins haben viel Enttäuschung ausgelöst. So wurde die Freigabe der Preise bei gleichzeitiger Beibehaltung der Wirtschaftsmonopole auch von den deutschen und russischen Teilnehmern eines Symposiums in der Akademie Sankelmark bei Flensburg, als ein fundamentaler Fehler angesehen. Die freien Preise haben achtzig Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze gebracht. Große Teile der Bevölkerung leben nur noch von der Substanz.

Freie Preise erfordern eine Politik des knappen Geldes. Eine solche Politik wird auch für Königsberg unumgänglich, da diese Region von entwerteten Rubeln aus den neuen baltischen Republiken – die eine eigene Währung einführen – überschwemmt wird; hier ist der Ausdruck "Ausverkauf" nicht übertrieben. Deshalb wird die Königsberger Region nicht umhinkommen, eine eigene Währung einzuführen, beispielsweise einen Königsberger Rubel, der sich am Ecu, der D-Mark oder dem Dollar orientieren könnte. Freilich sind dafür eine eigene Zentralbank und entsprechende Geschäftsbanken nötig.

Außerdem muß der Entflechtung und Segmentierung der industriellen Konglomerate höchste Priorität gegeben werden, um die monopolistische Position der vorhandenen Betriebe zu brechen. Hier gab es bei den anwesenden Generaldirektoren der Königsberger Region Widerstand.

Eine Überfallstrategie, wie in den neuen Bundesländern, würde zu einer völligen Vernichtung der Industrie führen und Königsberg in eine Region der Vierten Welt verwandeln. Der Privatisierung muß die Entflechtung von leistungsfähigen Unternehmenseinheiten vorangehen, die sich in verschiedenen Formen vollziehen kann. Die Beteiligung der Belegschaft und des Managements wird dabei eine wichtige Rolle spielen.

Das Beispiel eines mittelständischen Unternehmens aus Schleswig-Holstein, das in Dresden erfolgreich ein Fleischkombinat entflochten und privatisiert hat, wurde vom Seminar mit großem Interesse aufgenommen. Den Geschäftsführer der Firma Redlefsen, Rudolf Luther, lud die Treuhandchefin der Region Königsberg spontan ein, bei der ersten Privatisierung eines Königsberger Fleischkombinats beratend mitzuwirken.

Die jungen Akademiker aus dem Büro des Präsidenten der Region interessierten sich bei dem Seminar vor allem für die Arbeitsweise der Verwaltung in einer Marktwirtschaft: Wie werden Steuern berechnet und erhoben? Wie wird eine Stadtverwaltung strukturiert? Was gehört zur Stadtplanung, und wie ist das föderative System in der Bundesrepublik konstruiert? Wie funktioniert das soziale Netz und wie das Bildungssystem?