Von Karl-Heinz Büschemann, Roland Kirbach und Erika Martens

Drei Tage dauerte der legendäre Streik, mit dem im Februar 1974 Heinz Kluncker die Bundesregierung in die Knie zwang. Auf drei Wochen hat sich jetzt zunächst einmal die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr unter Führung von Monika Wulf-Mathies eingerichtet. Wie lange der erste große Arbeitskampf der Staatsdiener nach achtzehn Jahren freilich dauern wird, kann derzeit niemand sagen.

In den ersten Tagen des Streiks, zu dem neben der ÖTV auch die Gewerkschaften der Post und der Eisenbahner sowie die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) aufgerufen haben, spürten die Bürger die Auswirkungen gleich mit Macht. Millionen Beschäftigte kamen zu spät zur Arbeit, weil in vielen Städten der öffentliche Nahverkehr lahmgelegt war. Im Fernverkehr der Deutschen Bundesbahn gab es Verspätungen und Totalausfälle auf wichtigen Strecken, weil Rangierarbeiter, Wartungs- und Zugpersonal den Dienst verweigerten. Auf Wasserstraßen und an Schleusen wurde notdürftig versucht, den Betrieb mit Beamten aufrechtzuerhalten. In Postämtern, bei der Telekom und Postsparämtern legten Tausende die Arbeit nieder.

In München, Berlin, Stuttgart und Hannover, aber auch in Frankfurt und Lübeck, Kiel und Kassel, Karlsruhe und Nürnberg standen am Montag früh fast alle Räder still. Im öffentlichen Nahverkehr hatten rund 35 000 Beschäftigte die Arbeit niedergelegt. Statt Berlin wurde am Dienstag Nordrhein-Westfalen in den Arbeitskampf einbezogen. Sämtliche U- und Straßenbahnen blieben in den Depots. Nur vereinzelte Busse waren im Einsatz. Etliche Münchner, denen anzusehen war, daß sie schon lange nicht mehr geradelt waren, hatten am Wochenende offenbar noch schnell ihre alten, verrosteten Drahtesel flottgemacht, um an ihre Arbeitsplätze zu gelangen. Die Radwege waren überfüllt von unsicher in die Pedale tretenden Frauen und Männern in feiner Kleidung.

Mit Rucksack und Rad, per Anhalter oder per pedes trotzten auch die Menschen in anderen Städten dem Streik. Die Fußgängerzonen waren bevölkert wie sonst nur am verkaufsoffenen Samstag. In den Geschäften allerdings herrschte gähnende Leere. Die Geschäftsführer der Kaufhäuser und Fachboden fürchten erhebliche Umsatzeinbußen,

„Hifer Taxizentrale, bitte haben Sie ein wenig Geduld.“ Wer am Montag morgen in München diese Telephonansage der Droschkenzentrale hörte, konnte sich auf endlos lange Wartezeiten einstellen. In den bis zu zwanzig Meter langen Doppelschlangen vor den Taxiständen am Münchner Hauptbahnhof herrschte Faustrecht. Wer die stärksten Ellenbogen hatte, bekam den nächsten freien Wagen. Der nützte meist nicht viel. Das Weiterkommen war nämlich auch per Taxi ein schwieriges Unterfangen. „Seit sechs Uhr war München fast zu“, berichtet entnervt Max Herzinger von der Münchner Taxizentrale: „Man kann fast von einem Notstand reden.“

Berlin wurde am Montag – zweieinhalb Jahre nach dem Fall der Mauer – wieder zur geteilten Stadt. Gestreikt wurde zwar nur im Westteil, doch da von West nach Ost und umgekehrt nichts mehr ging, traf der Ausstand alle Berliner. „Daß die Ossis das alles so brav hinnehmen“, wunderte sich ein Busfahrer. Die Westberliner zeigten weniger Geduld: „Ein Streik um dreißig Mark, das lohnt doch nicht“, schimpfte ein Fünfzigjähriger.