Ralf P., 28 Jahre, sitzt in der Essener Justizvollzugsanstalt in Untersuchungshaft. Am 29. Dezember vergangenen Jahres schrieb er, von Hand, an den Vorsitzenden Richter der Zweiten Strafkammer des Essener Landgerichts, Rudolf Esders: "Sehr geehrter Herr Esders, ich möchte Sie bitten, mir eine mechanische Schreibmaschine, die mir durch einen Bruder gebracht wird, zu genehmigen ... Des weiteren möchte ich Sie bitten, mir einen Reisewecker, der sich hier in der Anstalt bei meiner Habe befindet, zu genehmigen, damit ich einen einigermaßen geregelten Tagesablauf sicherstellen kann. Durch den anstaltsüblichen Gong werde ich leider nicht wach, so daß ich meistens das Frühstück versäume. Hochachtungsvoll..."

Die Leiterin der Justizvollzugsanstalt, Barbara Salewski, ließ in einer Stellungnahme dazu am 8. Januar erklären: "Eine mechanische Schreibmaschine kann unter anstaltsüblichen Bedingungen genehmigt werden. Der Gebrauch eines Reiseweckers, um den Tagesablauf sicherzustellen, ist nicht erforderlich. Er sollte nicht genehmigt werden. Auch andere Gefangene sind mit dem ‚Gong‘ zufrieden."

Am 10. Januar beschloß Richter Esders: "Dem Angeklagten wird die Anschaffung einer mechanischen Schreibmaschine gestattet. Ihm wird weiter erlaubt, sich seine persönliche Habe einschließlich seines Reiseweckers aushändigen zu lassen."

Gegen die "verfügte Aushändigung eines Reiseweckers" erhob die JVA-Leiterin am 29. Januar "Gegenvorstellung". Begründung: "Bei dem erzwungenen Zusammenleben einer erheblichen Anzahl von Menschen auf engstem Raum können durch das Weckgeräusch Mitinhaftierte in ihrer Ruhe gestört werden." Vor allem aber: "Ein Wecker ist bei mißbräuchlicher Nutzung jedoch auch ein gefährlicher Gegenstand, der bei der Herstellung von zeitgezündeten Spreng- oder Brandsätzen verwendet wird ... Es wird daher gebeten, die Aushändigung nicht zu gestatten."

Ralf P. schrieb dazu am 4. Februar, immer noch von Hand: "Ich kann leider der Begründung der JVA nicht folgen. Auf der einen Seite gestattet sie Gefangenen den Erwerb und die Benutzung eines Radioweckers, andererseits hält sie die ordnungsgemäße Benutzung eines Reiseweckers als Mittel geeignet, um die Ruhe und Ordnung zu stören ... Im Grunde genommen möchte ich den Reisewecker nur, weil ich ihn schon bei meiner Habe habe und einen Radiowecker erst kaufen müßte." Was die Sprengsätze betrifft, gab er zu bedenken, daß "in unregelmäßigen Abständen meine Zelle gründlich durchsucht wird und meines Wissens keinerlei Brand- oder Sprengsätze sichergestellt wurden".

Richter Esders bat daraufhin die JVA-Leiterin, "anzugeben, wie groß die Gefahr ist, daß sich der Angeklagte in der JVA die Grundstoffe für die Herstellung eines Brand- oder Sprengsatzes beschafft". Die JVA antwortete, diese Gefahr "kann auch in einer JVA nicht ausgeschlossen werden. Es ist grundsätzlich möglich, auch mit einfachen Mitteln diese Sachen herzustellen."

Am 18. Februar hob Richter Esders die Genehmigung des Reiseweckers wieder auf. Begründung: "Da der Wecker jedoch ein probates Mittel als Zeitzünder ist und nicht sicher ausgeschlossen werden kann, daß jeder Gefangene in der JVA Essen sich die Grundstoffe für die Herstellung eines tauglichen Sprengstoffes beschaffen kam, muß das persönliche Interesse des Gefangenen hinter den Sicherheitsbelangen der Anstalt zurücktreten."