Trotz der angelaufenen Streiks ist der deutsche Aktienmarkt in bemerkenswert widerstandsfähiger Haltung in die verkürzte Börsenwoche gestartet. Nicht die Arbeitskämpfe beunruhigen die Anleger, vielmehr sind es die Zinsperspektiven, die Sorgen bereiten. Am Rentenmarkt befinden sich die Renditen wieder im Aufwärtstrend. Noch sind die Rentenexperten geneigt, diese Bewegung als „Zinsbuckel“ abzutun, der spätestens in der zweiten Jahreshälfte wieder geschwunden sein würde.

Auftrieb bekamen die Zinsen, als in der vergangenen Woche das Geldmengenwachstum für März bekannt wurde, das selbst die pessimistischsten Vorausschätzungen übertraf. Die Expansion der Geldmenge hat zunächst einmal alle Hoffnungen auf Restriktionslockerungen durch die Bundesbank zunichte gemacht. Im Gegenteil, die Furcht wächst, daß die Frankfurter noch einmal an der Leitschraube drehen oder die Mindestreserven erhöhen könnten.

Unter diesen Umständen konnte es nicht überraschen, daß die ohnehin nicht sehr zahlreich vertretenen Anleger Bankaktien links liegenließen. Erschwerend kommt hinzu, daß die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank und die Bayerische Vereinsbank nahezu zeitgleich mit dem Handel der Bezugsrechte für ihre Kapitalerhöhungen begannen. Eine nicht eben glückliche Strategie der Bayern.

Von dieser Besonderheit abgesehen, hat sich der Aktienmarkt bisher als belastbar erwiesen. Dies ist im wesentlichen dem weiterhin geringen Angebot zu verdanken. Da kaum Kreditengagements bestehen, herrscht so gut wie nirgends Verkaufszwang. Andererseits sprechen die Banken ihrer Kundschaft mit Blick auf die für 1993 geschätzten Gewinnsteigerungen Mut zu und raten, Marktschwächen zum Aktienerwerb zu nutzen. Schon eine oberflächliche Marktbeobachtung zeigt, daß sowohl institutionelle Anleger als auch die private Kundschaft für solche Anregungen durchaus aufgeschlossen sind. Schon bei leicht nachgebenden Notierungen haben sich bisher immer Käufer gefunden, die das Kursniveau stabilisierten.

Überraschend gut behaupteten sich Autoaktien. Die Börsianer halten offenbar wenig von kritischen Berichten zur Branchenlage und speziell über Ertragsprobleme bei VW. K. W.