Mit verweinten Augen, doch keineswegs traurig, eher ergriffen von seinem eigenen Auftritt – so hat Italiens Staatspräsident Cossiga 43 Minuten lang vor den Fernsehkameras dramatisch seinen vorzeitigen Abschied verkündet. Zwei Monate vor Ablauf seiner Amtszeit wollte Cossiga den Parteien nach dem Schock, den ihnen Anfang April die Wähler versetzt hatten, einen noch heftigeren Schlag versetzen. Nach den verbalen „Axthieben“, durch die er schon seit fast einem Jahr die politische Klasse des Landes an seinem Verstand zweifeln ließ, die aber dem Mann auf der Straße gefielen, formulierte der gelernte Jurist nun präzise seine Anklage als Lob für die Wähler, weil sie die großen Parteien geschwächt und eine Regierungsbildung nahezu unmöglich gemacht haben.

„Durch euer Votum habt ihr diesem politischen System einen Schlag versetzt, das den Kompromiß als Selbstzweck behandelt, und auch den Parteien, die Staat und Gesellschaft in gefährlichen, zweideutigen, diskriminierenden, oft präpotenten Formen besetzt halten ... Das praktisch herrschende Gesetz ist das einer Oligarchie“ – ein System, das in eine Verfassungs-, Wirtschafts- und Finanzkrise geführt habe und nur durch einen „politisch und verfassungsrechtlich starken Präsidenten“ geheilt werden könne. „Kann ich dieser Präsident sein? Ich bin ein einzelner Mensch, ohne genug Kraft, um mich stark zu fühlen, ja verfassungsmäßig gesehen bin ich schwach.“ Sein „letzter Dienst an der Republik“ sei es daher, zu gehen ...

So theatralisch die Szene wirkte und die Schaulust auch unpolitischer Betrachter befriedigte, Cossiga hat damit nicht nur Italiens akute Krise mitleidlos enthüllt, er hat sie auch vertieft. War dies seine Absicht? Wollte er gar Wasser auf die Mühlen derer leiten, die, der Demokratie müde, nach dem „starken Mann“ rufen Gewiß nicht bewußt. Doch in der psychischen Verfassung, aus der er sprach, kam mehr als der politische Zustand des Landes zum Vorschein. Auch eine Art Ausweglosigkeit präsentierte sich, die weder italienischer Mentalität noch demokratischer Überzeugung entspricht. Rom hat schon manche Götterdämmerung überlebt. Nicht jeder Schock aber ist heilsam. Hj. St.