Von Roger de Weck

Der Weg zur Arbeit ist beschwerlich geworden: Kommt die Bahn? Findet der Stau auf der Einfallstraße kein Ende? Der Briefkasten am Hauseingang bleibt leer. Der Müll wird nicht abgeholt. Es tobt ein Arbeitskampf, der alle trifft.

Jeder weiß, daß sich Deutschland diesen Streik nicht leisten kann. Nach der Vereinigung, in der konjunkturellen Flaute und vor einem Berg ungelöster Probleme gibt es Gescheiteres zu tun, als zu streiten und zu streiken. Ohnehin steht ein verhältnismäßig geringer Einsatz auf dem Spiel: rund 2,5 Milliarden Mark mehr oder weniger für den gesamten öffentlichen Dienst in Bund, Ländern und Gemeinden. Kein vernünftiger Mensch käme auf den Gedanken, diese Differenz zwischen dem Angebot der Arbeitgeber (4,8 Prozent) und dem von den Gewerkschaften zunächst akzeptierten Schlichterspruch (5,4 Prozent) rechtfertige all das, was die Deutschen in diesen Tagen erleben.

Aber es geht jetzt nicht mehr um die Vernunft, sondern ums Prinzip. Das Ergebnis der Urabstimmungen muß uns alle so nachdenklich stimmen wie jüngst der Ausgang der Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein. In dem massiven Votum für einen Streik entlud sich der Unmut von Bürgern, die von den Regierenden systematisch irregeführt worden sind. Trotz des weitverbreiteten Anspruchsdenkens kann man von den Menschen viel verlangen, wenn sie darauf vorbereitet und die Opfer gerecht verteilt werden. Beides ist unterlassen worden.

Schlimmer noch, seit 1989 hat der Bundeskanzler den Westdeutschen weisgemacht, sie müßten kaum Verzicht üben. Unvermittelt kam dann, was kommen mußte: eine Erhöhung der Steuern und Gebühren. Da verwundert es nicht, daß die Stimmung beim "Mann auf der Straße" gereizt ist, zumal die Teuerung von 4,8 Prozent an der Kaufkraft zehrt.

Die Sozialdemokraten tragen eine Mitverantwortung für die ungute Stimmung im Lande. Sie suggerieren, die Finanzierung des Wiederaufbaus im Osten sei vor allem eine Sache der Wohlhabenden. Das stimmt nicht. Natürlich müssen die Bessergestellten mehr bezahlen, aber das Geld wird nur dann reichen, wenn auch die Leute mit unteren Einkommen Abstriche hinnehmen.

In einer solchen Lage bot sich denn auch der Bundesregierung eine einzige, keineswegs originelle Lösung an: ein runder Tisch oder eine konzertierte Aktion, um den Willen zum umfassenden Kompromiß zu bestärken. Seit Beginn der deutschen Vereinigung war vorauszusehen, daß die Verteilungskämpfe härter würden. Der Kuchen ist vorerst nicht viel größer geworden, muß jetzt aber unter 80 anstatt 62 Millionen Menschen aufgeteilt werden. Die Tradition der Bundesrepublik ebenso wie der gesunde Menschenverstand hätten nun dafür gesprochen, daß sich Regierung, Parteien, Wirtschaft und Gewerkschaften besser abstimmten und weniger abkanzelten.