Von Dietmar H. Lamparter

Eigentlich hätten sich die gut 700 Kinobetreiber, die sich kurz vor Ostern in Baden-Baden zum Kongreß des Hauptverbandes der Deutschen Filmtheater (HDF) trafen, rundweg freuen können. Nach Jahren der Stagnation sind 1991 mit rund 107 Millionen fast 4,5 Millionen mehr Besucher als im Vorjahr in die westdeutschen Lichtspielhäuser geströmt. Einschließlich der neuen Bundesländer hat Deutschland mit 120 Millionen Kinogängern sogar Frankreich als Kinoland Nummer eins in Europa abgelöst.

Doch statt Freude herrscht in der mittelständisch strukturierten Kinobranche derzeit Angst und Schrecken. Zwei Drittel des Zuwachses entfallen nämlich auf die neuartigen gigantischen Kinopaläste – Multiplex, Cinedom oder Cinemaxx genannt. Mit diesen "Palästen der Zerstreuung", die bis zu 5000 Zuschauern Platz bieten, drängen erstmals amerikanische und auch deutsche Filmproduzenten direkt in den Kinomarkt.

Bisher begnügten sich Hollywoods Produktionsfabriken mit der Rolle des Verleihers, dem knapp die Hälfte der Eintrittsgelder zufließen. Mit eigenen Kinos möchten.sie nun aber direkt beim Publikum abkassieren. Immerhin geht es um eine Milliarde Mark. Und daß sie nicht kleckern, sondern klotzen wollen, zeigen die Investitionspläne: Noch stehen zwar erst sechs dieser riesigen Abspielfabriken zwischen Kiel und Freiburg, doch bald sollen es schon fünfzig sein.

Der deutschen Kinolandschaft steht damit ein Umbruch bevor, wie ihn die Branche seit dem großen Kinosterben der sechziger Jahre nicht mehr erlebt hat. Damals sackte die Zahl der Kinos (jede Leinwand zählt als Kino) von über 7000 auf knapp die Hälfte ab. Ursache war ein dramatischer Besucherschwund: Von über 700 Millionen Kinogängern im Rekordjahr 1956 blieben zwanzig Jahre später gut 100 Millionen übrig – die Deutschen sahen lieber fern.

Der Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Filmtheater (HDF), Steffen Kuchenreuther, und seine Klientel sehen wohl zu Recht einen neuen "knallharten Verdrängungswettbewerb" auf sich zukommen. Schon jetzt führt die Konkurrenz zu ganz ungewohnten Koalitionen. Da sieht sich der gefürchtete Branchenprimus, die Düsseldorfer Riech-Gruppe mit ihren 450 Leinwänden (Ufa-Kinos), unvermittelt Seite an Seite mit der Masse der kleinen Lichtspielbesitzer und Programmkinomacher in die Verteidigerrolle gedrängt. Dabei war es regelmäßig der Anfang des Jahres verstorbene "Kinokönig" Heinz Riech, gegen dessen massive Nachfragemacht (zwanzig Prozent Marktanteil nach Umsätzen) die Kleinen bei den Kartellbehörden Sturm liefen, wenn sie wieder einmal von lukrativen Erstaufführungen ausgesperrt worden waren. Jetzt muß auch Riech-Sohn Volker um seine Pfründen fürchten.

Auf der Seite der Palastbauer haben sich potente Investoren versammelt. Gleich drei Gruppen möchten mit ihren Abspielfabriken in allen deutschen Ballungszentren auftrumpfen: die Kinokette United Cinemas International (UCI), ein Joint-venture der beiden Hollywood-Studios Paramount und Universal Pictures, einer Tochter des japanischen Matsushita-Konzerns. Der amerikanische Medienkonzern Time/Warner hat sich mit der Neue-Constantin-Gruppe des Münchner Filmproduzenten Bernd Eichinger ("Die unendliche Geschichte") zusammengetan. Und schließlich der Hamburger Programmkinopionier Hans-Joachim Flebbe, der sich für seinen Cinemaxx-Kraftakt mit dem Produzenten Bodo Scriba und dem Stuttgarter Finanzier Rolf Deyhle liiert hat. Gerade Flebbe, der sich bei seinem Aufstieg zum Branchenzweiten mit 126 Kinos in der Robin-Hood-Rolle zur Rettung der deutschen Kinokultur vor Schachtelkino-Imperator Riech gefiel, hat bisher sein feines Gespür für neue Trends ausgezeichnet.