Die weiland sozial-liberale Koalition, so hat der frühere FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Mischnick einmal berichtet, habe knifflige Probleme zunächst intern diskutiert und sei erst dann an die Öffentlichkeit gegangen, wenn sich eine Lösung abzeichnete.

Das christlich-liberale Bündnis verfährt umgekehrt: Arbeitsgruppen sollen eingesetzt und Termine festgelegt werden, um das Pensum an strittigen Aufgaben zu bewältigen, das sich vor der Koalition auftürmt.

Die Selbstverpflichtung einschließlich Zeitplan spiegelt den Druck wider, den die unmutigen Wähler ausüben. Bei ihnen hat das Regierungsbündnis im Augenblick keine Mehrheit mehr. Und der Rücktritt Hans-Dietrich Genschers, in der Popularitätsskala seit Jahren an der Spitze, wird die Stimmung nicht heben.

Ähnlich gingen Union und FDP schon bei ihren Koalitionsgesprächen im Januar 1990 vor. Freilich glich die Verhandlungslage oft einem Labyrinth, und wäre es nicht zwingend gewesen, mit dem Regieren überhaupt wieder anzufangen – wer weiß, wo sich die Verhandler festgebissen hätten.

Daß die Politik häufig chaotisch wirkt, hat unter dem Vorzeichen demokratischer Beteiligung und Kooperation auch mit der Inflation von mitberatenden Gremien zu tun. Ist das Pensum weitläufig, so vermehren sie sich – Verzeihung! – wie die Kaninchen. Wir wählen dazu die opponierenden Sozialdemokraten zur gleichsam neutralen Illustration.

In ihrer Fraktion gibt es, als Pendant zum Bundestagsausschuß für Auswärtiges, zum Beispiel eine Arbeitsgruppe Außenpolitik. So weit klar. Aber unter diesem Schirm gibt es dann eine Fach-Arbeitsgruppe für Menschenrechte und humanitäre Hilfe sowie Gremien-Arbeitsgruppen für den Europarat und die Westeuropäische Union, des weiteren noch eine „Koordinierungsstelle Europapolitik“ und auch noch eine Arbeitsgruppe Israel.

Daß sie als „eigenständig“ bezeichnet wird, hat wohl damit zu tun, daß auch AGs für Abrüstung und Rüstungskontrolle, auswärtige Kulturpolitik, weltweite Organisationen, den Nahen Osten und die Kurden sowie je ein Gesprächskreis Polen und USA am Werke sind.

Alles klar? Vielleicht läßt sich nun verstehen, warum das antike Labyrinth gegenüber Organogrammen der Bonner Politik wie der Grundriß einer einfachen Blockhütte wirkt. Der Koalition gute Arbeitsgrüße. Carl-Christian Kaiser