Landen gleich hinter der Stadt die Außerirdischen? Ist hier ein heimlicher Ufo-Bahnhof? Ein interplanetarischer Flugplatz? Das hügelige Gelände, nur ein paar hundert Meter vom Ortsausgang entfernt, sieht jedenfalls danach aus. Von einem engmaschigen Schutzzaun umgeben, ragen bizarre Türme mit waagerechten, tellerförmigen Scheiben in die Landschaft, riesige Kuppelbauten wölben sich aus der Erde, dazwischen Radarschüsseln und große, weiße Betonkugeln – gerade so, als seien hier eben noch die Götter beim Golf gewesen.

Tatsächlich ist hier bei Hof eine der größten militärischen Aufklärstationen Europas. Jahrzehntelang wurde von dem Hügel, der so nahe an der Grenze zur ČSFR und zur alten DDR liegt, weit in den Warschauer Pakt hineingelauscht. Den Amerikanern, die den Horchposten Anfang der fünfziger Jahre aufgebaut hatten, erschien er seiner günstigen geographischen Lage wegen lange Zeit geradezu „Gold wert“. 1971, als die USA bereits über bessere Aufklärungsmethoden verfügten, übernahm ihn die Bundeswehr – „mit Kußhand“, wie es damals hieß. Und sie hat sich an das Große Ohr gen Osten so gewöhnt, daß sie auch heute noch, nachdem weit und breit kein Feind mehr auszumachen ist, mit Begeisterung weiterlauscht.

Eine weltpolitische Situation, in der sie ihren Betrieb einstellen würde, kann sich ihr Leiter, Kapitän zur See, Bodo Schimborski, überhaupt nicht vorstellen. Zwar habe es im Zuge der deutschen Einheit entsprechende Überlegungen auf der Hardthöhe gegeben, doch die seien schnell wieder ad acta gelegt worden. Der Kapitän räumt zwar mit leichtem Bedauern ein, daß „die Zielobjekte mehr und mehr entschwinden“; doch das hindert seinen Stab nicht daran – rund 250 Leute, in der Mehrzahl hochqualifizierte Zivilisten –, intensiv weiterzuarbeiten.

Wohin freilich gelauscht wird und was das für Erkenntnisse mit sich bringt, ist wegen der Geheimhaltung, der die Hofer Station unterliegt, nicht zu erfahren. Nur daß es dabei um moderne Waffentechnik und elektronische Führungssysteme geht, läßt sich der Kapitän entlocken. Und so wie früher die Aufmerksamkeit der DDR und der Sowjetunion galt, möchte man nun wissen, welch kriegerisches Gerät in Indien, Brasilien oder Ägypten lagert. Ob das freilich von Hof aus überhaupt möglich ist – diese Frage möchte Bodo Schimborski lieber nicht beantworten; die „branchenübliche“ Zurückhaltung, man müsse das verstehen...

Die schwelende Legitimationskrise seines Postens ist damit freilich nicht ausgestanden, das ist auch dem Chef klar. Aber immerhin habe man während des Golfkrieges den deutschen Minensuchbooten wertvolle Tips geben können. Generell, so meint der Kapitän melancholisch, habe der „Aktualitätsgrad“ der Informationsgewinnung in den letzten Jahren freilich ziemlich nachgelassen, wie ja auch die ehemalige Grenzstadt nun mitten in Deutschland liege und jetzt keine besondere Präferenz mehr genieße.

Dessenungeachtet schwebt Schimborski vor, seine Station zur zentralen Ausbildungsstelle für die Bundeswehr auszubauen. „Unser Vorteil ist, daß wir die gesamte technische Ausstattung hier haben.“ Und: Selbst gegen den Umstand, daß das Feindbild so sehr zerbröselt ist, wurde Abhilfe geschaffen. Gegnerische Waffensysteme werden nun weitgehend auf dem Bildschirm simuliert. Es ist fast wie früher. Dietmar Bruckner