Von Roy Rowan

Seit drei Jahren habe ich das Gefühl, daß das Flugzeug nicht zerbombt worden wäre, wenn Chuck nicht drin gesessen hätte“, sagt die 75jährige Beulah McKee. Sie ist bis heute verbittert. Doch im Wohnzimmer ihres Hauses in Trafford, Pennsylvania, des Hauses, in dem ihr Sohn vor 43 Jahren geboren wurde, bemüht sie sich, gelassen zu sprechen. „Ich weiß, was ich sage, ist nicht das, was unser Präsident hören will“, räumt sie ein.

George Bushs Beileidsschreiben kam fast vier Monate, nachdem die Trümmerteile der Pan Am-Maschine, Flugnummer 103, am 21. Dezember 1988 auf Lockerbie in Schottland gefallen waren. Es enthielt die übliche Floskel: „Ich fühle mit Ihnen. ... Durch nichts kann unsere Regierung den Verlust wiedergutmachen, den Sie erlitten haben.“ Doch tief im Innern glaubt Mrs. McKee, daß der Tod ihres einzigen Sohnes indirekt durch einen schrecklichen Fehler der Regierung verschuldet worden ist. „Was man mir in Washington erzählte, hat mich nie im geringsten zufriedengestellt.“

Heute, da die USA bei dem UN-Embargo gegen Libyen vornewegmarschieren, einem Embargo, das verhängt wurde, weil Libyen zwei des Bombenattentats Verdächtige nicht ausliefern will, in diesem Moment fragt sich Mrs. McKee, ob Chuck und seine Arbeit das geheime Motiv boten, aus dem jenes Flugzeug zur Zielscheibe wurde. Wenn ihr Verdacht zutrifft, dann sagt man in Washington nicht die ganze Wahrheit.

Major Charles Dennis McKee, von seinen Geheimdienstfreunden bei der Armee „Tiny“ genannt, war ein bulliger Kerl und ein Superstar in nahezu jeder Art Kommandotraining, das ein amerikanischer Soldat durchlaufen konnte. Er absolvierte die harten Fallschirmspringer- und Einzelkämpfer-Schulen, bestand als Bester die Abschlußprüfungen und diente bei den Green Berets. In Beirut galt er offiziell als Attaché des militärischen Nachrichtendienstes (DIA) der USA. Doch sein handfestes Auftreten paßte nicht zu solch einem Diskretion und Unauffälligkeit erfordenden Diplomatenjob. Beiruter Freunde erinnern sich an ihn als „wandelndes Arsenal“ von Gewehren und Messern. Sein wahrer Auftrag lautete, so meinen einige, gemeinsam mit dem Geheimdienst CIA die amerikanischen Geiseln im Libanon aufzuspüren und, wenn möglich, sie in einem kühnen Kommandounternehmen zu befreien.

McKees dicke, 37 Seiten umfassende Armee-Akte enthält so viele geschwärzte Stellen, daß die Gefahr, in der er sich befand, nur noch zu erahnen ist. Was die Tinte des Zensors überlebte, war sein Titel: „Team-Chef“. Unter „Bewertung“ stand, daß er „in größten Streßsituationen stets einen kühlen Kopf bewahrt... Seine Stärke ist, einen Auftrag mit einem Minimum an Führung und Überwachung auszuführen ... Nach wie vor erledigt er eine der gefährlichsten und anspruchsvollsten Aufgaben in der Armee.“

Für Beulah McKee wurde das Geheimnis sechs Monate nach Chucks Tod noch unergründlicher, als sie einen Brief von einem anderen US-Agenten in Beirut erhielt. Er war unterschrieben mit „John Carpenter“, einem Namen, den das Pentagon angeblich nicht kennt. Obwohl es in dem Brief hieß, daß Chucks Anwesenheit in dem Pan Am-Flugzeug nichts mit dem Bombenattentat zu tun gehabt habe, nährte Carpenters Botschaft nur ihren Verdacht. „Ich kann über Chucks Aufgabe nichts sagen“, schrieb er, „weil seine Arbeit fortgeführt wird. Wenn Gott will, wird sie einmal Früchte tragen, und Sie werden die wahre Geschichte seines Heldentums und Mutes erfahren.“