Von Bartholomäus Grill und Christian Wernicke

ZEIT: Herr Eppler, Sie waren der letzte Minister, der der Entwicklungspolitik ein eigenes Profil gab. Herr Spranger, Sie sind seit langer Zeit der erste Minister, der den Eindruck erweckt, daß er dies auch versucht. Was kann Entwicklungspolitik heute überhaupt leisten; was muß sie leisten?

Eppler: Wenn Sie so fragen, fragen Sie auch nach dem Unterschied zwischen Entwicklungshilfe und Entwicklungspolitik. Die Entwicklungshilfe war, seit es sie gibt, für die meisten Länder marginal, wenn man von ein paar ganz armen Ländern Afrikas absieht. Entwicklungspolitik ist eine Politik, die bei jeder einzelnen politischen Entscheidung in den Industrieländern die Interessen der Menschen im Süden einbezieht. Doch davon sind wir unendlich weit entfernt.

Spranger: Der Aussage, daß Entwicklungszusammenarbeit nur Marginales leisten kann, vermag ich nicht zuzustimmen. Ich glaube vielmehr, dreißig Jahre Entwicklungsarbeit sind auch dreißig Jahre Erfolgsbilanz. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den Entwicklungsländern hat sich seit 1960 etwa verdoppelt. Die Lebenserwartung der Menschen ist von 42 Jahren auf mittlerweile über 60 Jahre angestiegen, die Kindersterblichkeit um die Hälfte gesunken. Es sind also auch beträchtliche Fortschritte zu verzeichnen.

ZEIT: Das klingt gerade so, als wäre die Entwicklungspolitik in den letzten dreißig Jahren leichter geworden.

Spranger: Ich glaube, daß wir nach dem ideologischen und politischen Zusammenbruch des Kommunismus neue Chancen haben. Die Entideologisierung erlaubt neue nüchterne Bewertungen. Natürlich sind Probleme hinzugekommen, die vor dreißig Jahren nicht bestanden: die Umweltsituation, die Wanderungs- und Flüchtlingsbewegungen, die Drogenentwicklung, die Bevölkerungsexplosion.

ZEIT: Herr Eppler, Sie scheinen die Möglichkeiten der Entwicklungspolitik weniger optimistisch zu betrachten. Liegt das daran, daß Sie ohne Amt weniger zur Zuversicht verpflichtet sind?