Zwei Wochen nach ihrer Ankündigung, nicht mehr morden zu wollen, haben die RAF-Oberen Widerspruch bekommen – mit einem weiteren anonymen Brief, dessen Verfasser sich als "Teil des Widerstandes in der BRD" bezeichnen. Sie wollen den "bewaffneten Kampf" fortführen. Sicherheitsfachleute aus dem Bundeskriminalamt und im Verfassungsschutz zweifeln daran, daß die Dissidenten überhaupt der Roten Armee Fraktion angehören, wenngleich sie langatmig deren Vergangenheit beschwören: "Die Geschichte lebt in uns."

Mit einigem Zynismus könnte man versucht sein, im öffentlichen Streit der Terroristen ein Gegenstück zu dem Schlagabtausch zu sehen, den unsere Politiker zeitgleich um die allfällige staatliche Reaktion führen. Wer auch nur erwägt, das Angebot zur Umkehr anzunehmen, wird von den Hardlinern, wenn nicht klammheimlicher Sympathie mit den Terroristen, so doch der Bereitschaft bezichtigt, er wolle mit ihnen "anders umgehen" als mit gewöhnlichen Straftätern. Dabei waren es eben diese Betonköpfe in (fast) allen Parteien, die schon während der siebziger Jahre ein Sonderrecht – und Sondergerichte – zur Terrorbekämpfung durchgesetzt haben. Wie anders als mit einseitiger politischer Fixierung ist es zu erklären, daß ein Spezialtatbestand der terroristischen neben der kriminellen Vereinigung geschaffen wurde? Wie anders, daß seither "gewöhnliche" Mörder von Schwurgerichtskammern, terroristische aber von Senaten der Oberlandesgerichte abgeurteilt werden?

Vielleicht greift Bundesjustizminister Klaus Kinkel mit seinem Wort von der "Versöhnung" ein wenig zu hoch. Versöhnen können sich allenfalls die Opfer oder ihre Hinterbliebenen mit den Tätern. Der Staat kann nur Gerechtigkeit, Billigkeit und äußerstens Gnade gewähren. Mehr wird ihm auch nicht abverlangt. Nicht die Bundesregierung oder die Parteien, sondern Gerichte haben darüber zu befinden, ob Terrormörder nach mehr als fünfzehn Jahren Strafverbüßung in die Freiheit entlassen werden wie andere Lebenslängliche auch. Aber sie sollten es in einer Atmosphäre tun dürfen, die frei von Dummheit, Haß und Rachsucht ist. Hans Schueler