Seit Heinz Waldmüller da war, ist es in Metzingen auf der Schwäbischen Alb mit der Beschaulichkeit vorbei. Geheimtips in Sachen Fabrikverkauf gibt es jetzt endgültig nicht mehr. Nun kann jeder schwarz auf weiß nachlesen, daß der Mann von Welt in einer Lagerhalle einkauft: „Beim Edelkonfektionär, der Nr. 1 der Herrenmode in Europa: die Marke mit Ausstrahlung, Charakter, Prestige.“ Das steht in Heinz Waldmüllers „Schnäppchen-Führer Baden-Württemberg“. Und noch viel mehr: Unter dem Stichwort Metzingen findet man sechzehn Adressen von Firmen, die ihre Waren zu Schleuderpreisen ab Fabrik verkaufen: von Polstermöbeln über Kinderwagen bis zu Schwäbischen Fleischwaren.

Insgesamt hat der Verbraucheljournalist über 200 Adressen zusammengetragen, zu „Schnäppchen-Routen“ geographisch geordnet und schließlich genau beschrieben: Warenangebot, Ersparnis, Öffnungszeiten, Streckenbeschreibung und Besonderheiten, wie zum Beispiel beim „Edelkonfektionär“ in Metzingen: „Kundschaft in Jagdfieberstimmung. Landtagsabgeordnete und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Direktoren aus allen Branchen in Unterhosen.“

Der „Schnäppchen-Führer“ war kaum zwei Tage auf dem Markt, da war die erste Auflage schon vergriffen. Jetzt ist das Taschenbuch seit etwa einem Monat zu haben, und Sigmund Zipperle, der Produktmanager des 244-Seiten-Bestsellers, spricht von 100 000 verkauften Exemplaren: „Das Buch ist ein Renner.“

„Das Buch ist eine Unverschämtheit“, sagt hingegen Dieter Kastin, der Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Textil in Baden-Württemberg. Da rede man immer von einer Partnerschaft zwischen Herstellern und Einzelhändlern, „und dann tritt der eine Partner dem anderen derart in den Hintern“. Die Hersteller, die ihre Waren ab Fabrik verkaufen, sind dem Verband schon lange ein Dorn im Auge. Wer in einer Zeitung für seinen Fabrikverkauf warb, bekam vom Einzelhandelsverband postwendend einen schriftlichen Rüffel. Das Geschäft in den Lagerhallen lebte daher nur von der Mund-zu-Mund-Propaganda.

Doch das ist jetzt anders. Im „Schnäppchen-Führer“ wird ausgeplaudert, daß Kirchentellinsfurt ein Mekka für Hemdenträger ist, Giengen an der Brenz ein Geheimtip für Teddybärensammler und Bisingen ein lohnendes Reiseziel für Leute, die Wert auf gepflegte Dessous legen. „Seit das Buch auf dem Markt ist, boomt der Einkaufstourismus“, sagt Dieter Kastin ärgerlich. Er kann es kaum fassen, daß sich die Kundschaft im Fabrikverkauf überglücklich auf Waren stürzt, auf der der Einzelhandel sitzenbleiben würde. „Die Leute steigen auf Leitern rauf, holen verstaubte Kartons mit Schuhen herunter, laufen in Strümpfen über nackte Böden.“ Im Fachgeschäft würden die gleichen Leute jedes Fädchen reklamieren, das aus einer Naht schaue.

Heinz Waldmüller hält die Reaktion des Einzelhandels für überzogen: „Ich verkenne nicht, daß im Textilfachhandel Spannen von 120 Prozent notwendig sind, um auf dem Markt zu überleben.“ Doch diesen Markt lehnt der Autor des „Schnäppchen-Führers“ ab: Es sei sowieso nur eine Veranstaltung zur Erstattung der Kosten, die durch immer aufwendigere Nobelgeschäfte und immer teurere Standorte verursacht würden. „Einkaufen wird heute zum Einkaufserlebnis mit Champagner und Partyschnitten hochstilisiert. Und zwar auf Kosten der Kunden.“

Das Buch helfe jedem, sein sauer verdientes Geld höchst wirtschaftlich einzusetzen und Qualität zum halben Preis zu kaufen, wirbt Waldmüller für seinen „Schlüssel zu dem Einkaufsparadies, in dem wir leben“. Doch dabei vergleicht er nach Kastins Ansicht „Äpfel mit Birnen“: Im Fabrikverkauf gebe es vor allem zweite Wahl, schrille Farben und Ladenhüter. Es sei doch überhaupt nicht möglich, die Preise dieser Waren mit denen erstklassiger Waren zu vergleichen. Trotzdem gebe aber Waldmüller bei jedem Hersteller die Ersparnis in Prozent an. „So bekommt der Kunde ein völlig falsches Bild von der Gewinnspanne des Einzelhandels.“ Ganz abgesehen davon, sagt Kastin, sei der Einkauf im Endeffekt nicht billiger, weil die Leute oft Sachen kaufen, die sie gar nicht benötigen. „Aber wer extra irgendwo hinfährt, will schließlich nicht mit leeren Händen heimkommen.“ Und natürlich könne man da ab und zu auch was Schönes finden, „nur nicht das, was man gerade braucht“.