So überrascht Genschers Rücktritt am Montagmorgen in Bonn aufgenommen wurde, so überraschend war die Wahl seiner Nachfolgerin. Das Präsidium der FDP zauberte den "bestmöglichen Vorschlag unter Berücksichtigung aller Aspekte" wie ein Kaninchen aus dem Hut. An die Wohnungsbauministerin Irmgard Schwaetzer allerdings hatte außer FDP-Insidern wohl kaum einer gedacht. Im Vorstand und in der Fraktion der Liberalen blieben die Kritik und der Ärger über die undurchsichtige Entscheidungsprozedur nicht aus.

Zwar gilt Irmgard Schwaetzer als klug und schlagfertig, der Schwester von vier älteren Brüdern wird auch Durchsetzungsvermögen nachgesagt – viele aber vermissen bei ihr politisches Gewicht und Kontur.

Die promovierte Apothekerin ist spät zur Politik gekommen. Sie zählt zu jenen, die sich hochgearbeitet haben. Erst 1975 trat die gebürtige Münsteranerin der FDP bei. Fünf Jahre später zog sie über die Landesliste Nordrhein-Westfalen in den Bundestag ein und befürwortete als einzige der führenden FDP-Frauen im Herbst 1982 den Koalitionswechsel zur Union.

Dafür wurde sie mit dem Posten der Generalsekretärin belohnt, als Günter Verheugen mit anderen prominenten Abgeordneten den Liberalen den Rücken kehrte. Meinungsverschiedenheiten mit der Parteispitze – sie hatte unter anderem gegen den Entwurf des Amnestiegesetzes für Steuersünder in Sachen Parteispenden votiert – ließen Irmgard Schwaetzer 1984 auf eine weitere Kandidatur verzichten. Sie begnügte sich mit dem eher undankbaren Amt des Schatzmeisters.

Die Bundestagswahlen 1987 brachten den Liberalen ein gutes Ergebnis und Irmgard Schwaetzer einen gewaltigen Karrieresprung. Außenminister Genscher holte sie als Staatsministerin in seine Kaderschmiede. Vier Jahre lang war sie im Auswärtigen Amt zuständig für Europa- und Kulturpolitik, sammelte Erfahrungen auf dem internationalen Parkett, bevor sie nach den ersten gesamtdeutschen Wahlen 1990 zur Bundesministerin für Wohnungsbau ernannt wurde.

Im Oktober 1988 trat sie in Wiesbaden gegen Otto Graf Lambsdorff um den Parteivorsitz an – und unterlag knapp. Sie wurde zur ersten Stellvertreterin gewählt.

Vorigen Herbst geriet ihr Privatleben ins Rampenlicht. "Die zweite Eheschließung der Ministerin war ihr schlechtester Auftritt seit dem Wiesbadener Parteitag", spottete der Spiegel. Siebzehn Jahre lang hatte die Liberale den Doppelnamen "Adam-Schwaetzer" getragen, dann ließ sie sich scheiden und heiratete den früheren Bild-Reporter und heutigen Sat-l-Moderator Udo Philipp.