Ein Unfallmuseum? Was ist denn das? Hören wir den französischen Philosophen Paul Virilio: „Jede Technik produziert, provoziert und programmiert ein spezifisches Akzidens, einen spezifischen Unfall. Was hat man denn erfunden, als man die Eisenbahn erfunden hat? Die Eisenbahnkatastrophe. Mit dem Schiff hat man den Schiffbruch erfunden, mit der Lokomotive die Entgleisung. Mit der Autobahn die Karambolage von 300 Wagen binnen fünf Minuten. Mit dem Fliegen den Absturz. Die negativen Seiten von Technologie und Geschwindigkeit hat man verschwiegen. Die Techniker sind zu Technokraten geworden und von daher bestrebt, ihren Gegenstand zu positivieren und zu sagen: Ich verstecke ihn und zeige ihn nicht.“

Und also hat Virilio gefordert (in dem wunderbaren Buch „Der reine Krieg“, Merve Verlag, Berlin 1983), Unfälle auszustellen.

„Jede Technik und jede Wissenschaft sollte den ihr spezifischen Unfall auswählen und als Produkt zeigen – und zwar nicht auf moralische Art, zur Vorbeugung (als Sicherheitsmaßnahme), nein, sondern als Produkt... Am Ende des 20. Jahrhunderts sollte man der gestalterischen Dimension des Unfalls in einem neuen Museum den gebührenden Platz einräumen. Es müßten darin Zugentgleisungen, Luftverschmutzungen, der Einsturz von Gebäuden etc. gezeigt werden. Ich glaube, daß der Unfall für die menschliche Wissenschaft das ist, was die Sünde für die menschliche Natur war. Er stellt ein bestimmtes Verhältnis zum Tod dar, das heißt, er enthüllt die Identität des Objekts.“

O.K. Das Ende des 20. Jahrhunderts ist ziemlich erreicht, und Virilios Akzidens ist den meisten Zeitgenossen immer noch ein Fremdwort. Gleichwohl werfen die strahlenden Errungenschaften des Fortschritts immer längere Schatten, und als mulmiges Gefühl entsteht so etwas wie ein Unterbewußtsein der Gefahr. Gerade hat die Zeitschrift Geo dem Risiko ein Themenheft gewidmet – volkstümlicher Ausdruck eines erkenntnistheoretischen Prozesses.

Der Mensch, dieses Millionen Jahre alte Tier, hat sich in den jüngsten Sekunden seines erdgeschichtlichen Daseins einen industriellen flash verschafft und weiß nun nicht recht, wie ihm geschieht. Was wir für normal halten, technischen Fortschritt, gibt es in seiner extremen Form ja erst, seit James Watt 1764 den bis dahin vom Winde angetriebenen Maschinen Dampf machte. Seit Werner von Siemens 1846 das elektrische Kabel konstruierte, seitdem Mister Edison 1880 ein elektrisches Licht aufging.

Ja, wenn man ein Unfallmuseum eröffnet, sollte man vielleicht dort beginnen: Wo das Dunkel der Unwissenheit, das im Flackern des Kerzenscheins noch zu sehen war, im hellen Licht des Kohlefadens verschwand. Nicht die Glühbirne aber soll uns im Unfallmuseum empfangen, nicht der Strom selbst, sondern das, was ihn so populär machte, was ihn unter die Leute brachte: die Leitung.

Nächste Woche also: Kabelriß und Funkenflug. Ulrich Stock