Von Fredy Gsteiger

Wenn Christoph Blocher kein typischer Schweizer ist, dann ist es niemand. Der gedrungene Mann, der seine markigen Worte mit markanten Gesten unterstreicht, könnte eben einem Bild der Heimatmaler Ferdinand Hodler oder Albert Anker entstiegen sein: blonde Haare, blaue Augen, aus denen Solidität und Tüchtigkeit strahlen.

Der 52jährige ist Parteichef der rechtsbürgerlichen Zürcher Volkspartei. Unter seiner Leitung hat sich ihre Wählerschaft verdoppelt. Er ist auch wortgewaltiger Abgeordneter im Berner Bundesparlament. Hauptberuflich leitet er den Ems-Chemiekonzern mit 2500 Mitarbeitern und weltweiten Verästelungen. Er sitzt in 25 Aufsichtsräten. Fünf Wochen im Jahr kleidet sich Blocher feldgrün und kommandiert als Oberst ein helvetisches Regiment. „Ich biete relativ viel“, sagt er unbescheiden.

Vor allem aber ist Christoph Blocher verliebt. Verliebt in eine tapfere, tüchtige Schweiz, die von jodelnden Sennen und Edelweiß verkörpert wird, aber auch in jene andere, die für Bankgeheimnis und Hochtechnologie steht.

Kein anderer eidgenössischer Politiker ist so bekannt wie Blocher – schon gar nicht sind es die farblosen sieben Mannen, die den Bundesrat, die Regierung zu Bern, stellen. Keiner ist aber auch so umstritten wie der Macher aus Zürich. Wenn er, wie vor kurzem in seiner jährlichen Rede im Schützenhaus Albisgüetli, gegen die EG zu Felde zieht, jubeln seine Anhänger und toben seine Feinde. Auf Nuancen legt der rhetorische Boxkämpfer wenig Wert; ihm kommt es auf Kurzweil und Klartext an. Christoph Blocher versöhnt nicht, er spaltet.

„Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber“, donnert er; daß die Kälber die Bundesräte und die Metzger die Brüsseler Eurokraten sind, ist jedem Anwesenden klar. Ob nun 850 Bauern in einer Turnhalle im oberen Fricktal oder anderntags 500 Käser – alle bekommen sie zu hören, daß die EG ein „bonapartistischer Klub“ sei und sich die Schweizer nicht 700 Jahre tapfer „gegen fremde Richter in ihrem Land gewehrt haben, um sich nun, im 701. Jahr nach dem Rütlischwur, zu verkaufen“.

Ähnlich poltert Blocher auch im Berner Bundeshaus. Allerdings ist der ehrwürdige Nationalratssaal, wo die Abgeordneten pfleglich miteinander umgehen, seltener seine Bühne als die Schulaulen und Kongreßsäle landauf, landab. „Ich habe Unterhaltungswert, biete Informationsgehalt und Humor“ – letzteren freilich oft nicht eben subtil. Auch in der Berner Bannmeile zwischen Bundeskuppel und Bellevue-Bar ist Blocher kaum anzutreffen. Der Pastorensohn mit elf Geschwistern hält wenig vom Polit-Establishment: „Ich habe keine Zeit für dieses gesellschaftliche Zeugs. Die Macht hat bei uns ohnehin das Volk. Unser System zielt auf die Pulverisierung der Macht.“