Von Gabi Bauer

Schon am Vorabend gibt es einen Vorgeschmack auf das, was uns am nächsten Morgen auf den schaukelnden Wellen des Mittelmeers erwarten sollte: „Du“, der schicke Schnauzbärtige im roten Segleroverall beugt sich weiter über den Tresen, „das hättest du mal erleben sollen: Mit der kleinen Fun bei Windstärke acht, Sturmfock raus und das Groß bis zum letzten gerefft. Lebensgefährlich, sag’ ich dir.“ Mein Gegenüber im Overall sinkt auf seinem Barhocker zusammen, um sich Sekunden später wieder kerzengerade aufzurichten: „Wir sind natürlich doch gut an Land angekommen.“ Der braungebrannte Typ kippt seinen Brandy. „Logo!“ Ach, ihr Könner, denke ich neiderfüllt.

Am nächsten Morgen: Abenteuer für Anfänger. Unter südlicher Sonne hocken sechzehn deutsche Landratten in kurzen Hosen und Turnschuhen am Steg und versuchen, Stricke mit Knoten zu versehen. Nicht mit ordinären Haushaltsknoten. Nein, echte Seemannsknoten müssen es sein, „einfach und schnell zu stecken, zuverlässig haltend, im entlasteten Zustand leicht zu lösen“ – so steht’s zumindest im Lehrbuch. Sabine, eine junge Ärztin aus Stade, hielt sich immer für recht lernfähig, doch der Palstek macht sie fertig. „Wie war das noch?“ Das Ende von unten durch die Schlaufe, einmal rum und wieder durch die Schlaufe – na also. Festzurren. „Mist! Kriegst du das wieder auf?“ Theorie und Praxis des Segelns. Unser Ziel nach zwei Wochen scheint unerreichbar: der Sportbootführerschein Binnen.

Fest verknotet bleibt der Strick am Strand zurück. Jetzt wird’s ernst. In Vierergruppen klettern wir auf die schwankenden Übungsjollen, um gleich „ganz praktisch zu lernen, wo vorn und hinten und, vor allem, wo oben und unten ist“. Wenn es nur das wäre. Segellehrer Lois fordert wesentlich kompliziertere Dinge: „Ihr müßt schon drauf achten, woher der Wind kommt.“ Routiniert greift der Österreicher zur Ruderpinne und dreht das Boot mit einer leichten Bewegung so in den Wind, daß es Fahrt aufnimmt. „Und jetzt holt die Schoten dichter.“ – „Wie bitte?“ – „Die Schnürl müßt’s fester zieh’n, damit des Segel strammer wird.“

Tatsächlich: Die Windrichtung beachten, das Segel richtig spannen, Ruder geradeaus, und schon gleitet das Boot durch die zugegeben nicht gerade stürmische See. Selbst Sabine ist überrascht, wie leicht das geht. Auf dem Boot ihres Bruders, wo sie nur mitsegeln durfte, war ihr alles beim Zusehen viel schwieriger vorgekommen. „Tolles Gefühl, wenn man selbst das Steuer in der Hand hat“, schwärmt sie. Stunden später beenden sechzehn Seeleute zufrieden den ersten Tag auf dem Meer.

Ach, ihr Könner, könntet ihr uns doch dieses Erfolgserlebnis gönnen. Aber abends an der Seglerbar wird uns der Makel des Anfängers wieder bewußt. Die alten Seebären halten kraftvoll ihren Skippercocktail in den Händen, während unsere Finger sich nicht mehr biegen lassen. So als hätten alle gleichzeitig die Gicht bekommen. An das dauernde Seilehalten müssen sich die Hände erst gewöhnen.

Aber Lois hat Mitleid, der nächste Morgen beginnt mit Theorie im Clubhaus: Lichterführung, Vorfahrtsregeln, Wetter- und Bootskunde. 450 Fragen enthält der Prüfungskatalog. Wo ist Luv? Welche Sichtwinkel und Farben haben die unterschiedlichen Bordlichter? Was ist eine Sluptakelung? Und was ein Döpper? 450 Fragen! Da tut Mutmachen not, abends beim gemeinsamen Essen, beim Rotwein. Und schließlich ist ja Urlaub. Ein beruhigendes Gerücht macht die Runde: „Beim letzten Mal sollen alle durchgekommen sein.“ Na also, 450 läppische Fragen nur.