Von Wilfried Kratz

Bei Lloyds Bank wird nicht lange um den heißen Brei herumgeredet. Man ist in einer für die Bankenwelt untypischen Weise direkt: In Großbritannien gebe es 20 000 Filialen von Banken und Bausparkassen, die auch Bankdienste anböten. Die Zahl werde sich in diesem Jahrzehnt halbieren. Eine fundamentale Umstrukturierung habe begonnen. Lloyds sei ein Katalysator in diesem Wandel, der am besten durch Fusionen erfolge. So begründet Chief Executive Brian Pitman die "mögliche" Übernahmeofferte seiner Bank für die britische Midland Bank in Höhe von etwa 3,5 Milliarden Pfund.

Lloyds fällt mit diesem Angebot einem Konkurrenten um die Gunst von Midland in den Arm. Es handelt sich um die Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HongkongBank), die bereits die Zustimmung des Midland-Vorstands für eine Übernahme erhalten hat. Zugleich ruft Lloyds die Wettbewerbsbehörden in London und Brüssel auf den Plan, entfesselt eine Diskussion über die "richtige" Struktur im Bankgewerbe, wirft Fragen der Konkurrenz und des Zusammenspiels zwischen nationalem und europäischem Kartellrecht auf und testet die Einstellung des neuen Handels- und Industrieministers Michael Heseltine, dem der Ruf eines Interventionisten auf der Suche nach dem "nationalen Interesse" vorausgeht.

Der Streit um Midland hat auf der Insel eine intensive Debatte ausgelöst. Jeder kennt die Symbole der beiden Banken, den Vogel Greif von Midland und den springenden Rappen von Lloyds. Millionen von Briten haben Scheckbücher dieser Geldhäuser in der Tasche. Midland und Lloyds sind zwei der sogenannten Großen Vier, deren Ursprünge 150 bis 250 Jahre zurückliegen. Barclays Bank und National Westminster Bank sind der Bilanzsumme, der Zahl der Beschäftigten und Zweigstellen nach zwar die beiden größten Institute. Midland (knapp 60 Milliarden Pfund) und Lloyds (über 51 Milliarden Pfund) sind gleichwohl gewichtig, beschäftigen im Inland zusammen fast 110 000 Personen und haben 3745 Filialen. Lloyds ist die mit Abstand erfolgreichste Bank der Großen Vier, aber Midland werden in der City gute Chancen für eine Erholung der heftig gefallenen Profite gegeben.

Seit mindestens fünf Jahren gilt die Midland Bank als "verwundbar" für eine Übernahme, denn ein unglückseliger Ausflug in die Vereinigten Staaten (Crocker Bank in Kalifornien) hatte viel Geld gekostet, die Moral gedrückt und den Vorsitzenden Sir Kit McMahon das Amt gekostet. Die HongkongBank, eine Gründung schottischer Bankiers in der Kronkolonie vor fast 130 Jahren, warf ein Auge auf Midland, um in Europa Fuß zu fassen und die Abhängigkeit von dem traditionellen Märkten in Asien zu mindern.

1982 wollten die Leute aus Hongkong sozusagen zu ihren Anfängen zurückkehren. Aber die britischen Kartellbehörden untersagten ihnen den Erwerb der Royal Bank of Scotland. 1987 nahm die HongkongBank Midland ins Visier. Der Erwerb einer Beteiligung von knapp fünfzehn Prozent sollte der Auftakt sein für engere Zusammenarbeit und spätere Fusion. Die Ehe war informell angesagt, wurde drei Jahre später wieder abgesagt und dann am 14. April mit einem Angebot in Höhe von 3,1 Milliarden Pfund formell neu anberaumt. Die Bankiers aus dem Fernen Osten, voran der aus Schottland stammende Vorsitzende William Purves, stellten die britischen Bankbehörden zufrieden. Denn die neue Dachgesellschaft sollte die in England eingetragene HSBC Holdings werden, und die Überwachung sollte bei der Bank von England liegen. Der Midland-Vorstand fand die Aussicht, von der HongkongBank übernommen’zu werden, attraktiv und empfahl den Aktionären die Offerte.

Freundliche Übernahme