Der Aktienmarkt hat sich während des Streiks im öffentlichen Dienst besser behauptet, als viele Börsianer erwartet hatten. Sie lagen auf der Lauer, um bei Kurseinbrüchen die billige Ware abräumen zu können. Die Gelegenheit dazu bot sich bisher nicht.

Nur bei den Konsumwerten waren die Kurse zeitweise spürbar rückläufig – eine Reaktion auf die eingeschränkte Mobilität der Bevölkerung durch den Streik der Nahverkehrsbetriebe. Dadurch erlitt der Einzelhandel deutliche Umsatzeinbußen. Aber schon am Anfang dieser Woche schlug im Konsumbereich, besonders bei Karstadt und Kaufhof, die Stimmung um. Höhere Löhne und Gehälter, vor allem der Wegfall des Solidaritätszuschlages, werden die Kassen wieder klingeln lassen.

Ernster genommen als die Streiks werden die Auseinandersetzungen über die künftige Zinsbesteuerung, die in diesen Tagen wiederaufgeflammt sind. In den Börsensälen hat sich die Meinung durchgesetzt, daß der Regierungsentwurf zu diesem Thema in der vorgelegten Form nicht Gesetz werden wird. Schärfere Formen der Kontrolle werden für möglich gehalten. Dies könnte, so glauben viele Börsianer, zu einer Kapitalflucht führen.

Der Rentenmarkt hat darauf umgehend reagiert: In den vergangenen Tagen sind die Zinsen wieder deutlich gestiegen. Die Ausländer halten sich bei auf Mark lautenden festverzinslichen Papieren merklich zurück, die neue ERP-Anleihe mit ihrer offiziellen Rendite von 7,96 Prozent findet nur noch zögernd Aufnahme.

Die Aussicht auf steigende Zinsen führte zur Zurückhaltung gegenüber den sogenannten zinsreagiblen Aktien, also den Papieren der Banken und Versicherungen. Von einem verstärkten Abgabedruck kann jedoch keine Rede sein. Zu berücksichtigen ist im übrigen, daß die beiden bayerischen Großbanken, die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank und die Bayerische Vereinsbank, zur Zeit Kapitalerhöhungen durchführen, der Markt für Bankaktien demzufolge technisch belastet ist.

Erstaunlich gut gehalten haben sich die Aktien der Großchemie. Teilweise lag es daran, daß die vor dem Dividendenabschlag veräußerten Papiere wieder zurückgekauft wurden. Dies nicht zuletzt deshalb, weil in der Chemie ein vorsichtiger Konjunkturoptimismus aufgekommen ist. K. W.