Von Dietrich Geyer

Als sich der Schweizer Historiker Andreas Kappeler, der in Köln osteuropäische Geschichte lehrt, vor Jahren mit der polyethnischen Welt des alten Rußland zu beschäftigen begann und schließlich, 1982, ein kompaktes Buch über die Völker des mittleren Wolgaraums erscheinen ließ, durfte er allenfalls mit dem Interesse einiger gelehrter Spezialisten rechnen. Inzwischen ist die Explosion des Nationalen auf den Trümmern des Sowjetimperiums zu einem Problem der großen Politik geworden. Selbst Rußlandhistoriker haben davon nur selten mehr als eine blasse Ahnung.

Seit dem Zusammenbruch der Union setzen sich die Auflösungsprozesse innerhalb der Nachfolgestaaten fort, in Jelzins „Rußländischer Föderation“ vor allem. Jüngst hörten wir aus Kasan, aus der Hauptstadt des „souveränen Tatarstan“, daß dort die Söhne der Goldenen Horde“ von Rußland Abschied nehmen und kundtun, daß die „moskowitische Fremdherrschaft“, mit der Iwan der Schreckliche das „Volk der Großen Steppe“ im 16. Jahrhundert überzog, beendet sei. Auch im Nordkaukasus, in Dagestan und in Tschetschenien, ziehen die neuen Demokraten nicht die russische Trikolore, sondern die grüne Fahne des Propheten auf. Über die Landkarte des ehemaligen Sowjetreiches hin scheint „der Schoß der Nation“ der einzige Ort zu sein, der Geborgenheit und Schutz in dieser Krisenzeit verspricht. Selbst kleine ethnische Gruppen, die bisher allenfalls folkloristisches Interesse weckten, haben sich mit nationalen Farben und Symbolen ausgestattet. Niemand kann sagen, in wieviel Einzelstücke die Konkursmasse des Imperiums noch zerfallen mag.

Kappelers jüngstes Buch rückt den Untergang der Sowjetunion in weite historische Perspektiven. Was wir vor uns haben, ist keine Buchbindersynthese, die, um der Aktualität der Sache willen, aus aufgefrischten Vorlesungsmanuskripten kompiliert und in gedruckte Geschichte verwandelt worden wäre. Geboten wird ein Kompendium der russischen Reichsgeschichte, das den Rang eines Standardwerks beanspruchen darf. Die Problemerörterung greift bis ins Mittelalter zurück und verfolgt die Etappen und Wendepunkte dieser Geschichte über ein halbes Jahrtausend hinweg – bis zum Zusammenbruch des Zarenimperiums im Ersten Weltkrieg und in den Revolutions- und Bürgerkriegsjahren. In einem abschließenden Ausblick auf die Sowjetzeit werden Wandel und Kontinuität unter kommunistischer Herrschaft knapp umrissen. Auch das Finale im Dezember vergangenen Jahres, als die Präsidenten der Nachfolgestaaten die Auflösung der UdSSR proklamierten, ist noch eingefangen worden.

Kein Zweifel, daß der besondere Vorzug des Buches in der Originalität des methodischen Zugriffs zu sehen ist. Kappeler wendet sich mit Entschiedenheit gegen den überkommenen Russozentrismus, der in der westlichen wie in der russisch-sowjetischen Forschung bisher vorherrschend war. In den einschlägigen Gesamtdarstellungen wurde die Geschichte Rußlands in der Regel als russische Geschichte beschrieben. Was nicht russisch war (vor 1914 immerhin 57 Prozent der Untertanenschaft!) tauchte zumeist nur in gerafften Exkursen oder Zusatzkapiteln auf. Kappeler dagegen zeigt Rußland in seinen polyethnischen Verhältnissen, in der Spannung zwischen Zentrum und Peripherie, in der Vielgestaltigkeit seiner Herrschafts- und Sozialverfassungen.

Den konzeptionellen Schwierigkeiten, denen ein solches Vorhaben begegnet, wird nicht etwa dadurch ausgewichen, daß die russozentrisch-imperialstaatliche Optik kurzerhand durch eine Addition von Nationalgeschichten der nichtrussischen Völker ersetzt worden wäre. Die nationaler Elemente werden nicht überbewertet, sondern in eine Untersuchung integriert, die auf die Synthese und den Vergleich sozialer und nationaler Wirkungsfaktoren zielt. Was Kappeler vorführt, ist die Struktur des Vielvölkerreiches, sind die Etappen und Bewegungsrichtungen imperialer Expansion, die Herrschaftspraktiken im Wechsel repressiver und kooperativer Methoden, die Formen der Koexistenz unterschiedlicher Kulturen zwischen Tradition und Modernisierung, staatlicher Autorität und nationaler Resistenz.

Die Reichsbildung über die Grenzen des orthodoxen Moskauer Großfürstentums hinaus beginnt um die Mitte des 16. Jahrhunderts mit dem Vorstoß nach Kasan und Astrachan. Es sind die Khanate der Goldenen Horde, die der autokratischen Herrschaft damals unterworfen wurden. Dies ist der Auftakt für einen ausgreifenden Vorgang der Eroberung und Raumerschließung, der den auf die Wälder Nordosteuropas beschränkten Zarenstaat zu einem riesigen eurasischen Kontinentalimperium werden läßt. Mit der Erweiterung des Reiches nach Asien hin sind im 17. und 18. Jahrhundert die Expansionsschübe im Westen und Süden einhergegangen: der Anschluß der Kosaken-Ukraine, der Erwerb der deutsch-baltischen Landesstaaten in Livland und Estland, der Zugriff auf die Länder der polnisch-litauischen Adelsrepublik, die Liquidierung der tatarischen Herrschaft auf der Krim und in den Küstengebieten des Schwarzen Meeres. Kappeler hat die Schilderung dieser Abläufe in einer systematisch angelegten Strukturanalyse des „vormodernen Vielvölkerreiches“ bilanziert: die sozioethnische Gliederung und Arbeitsteilung, die religiöse und kulturelle Vielfalt, den Widerstand der nichtrussischen Ethnien gegen den unifizierenden Druck der fremden Staatsgewalt.