Von Christian Wernicke

Grün oder nicht grün – das sei nicht die Frage: „Aber“, so rief ein Bürgerrechtler verzweifelt am vergangenen Wochenende in dem viel zu engen Konferenzsaal der Ostberliner Akademie der Künste, „das Problem heißt doch: Wie?“ Zwei Tage und eine Nacht lang stritt das Bündnis 90 in Berlin um die Bedingungen, unter denen die parteipolitischen Erben der DDR-Opposition die Vereinigung mit den westdeutschen Grünen wagen könnten. Und die leidenschaftliche, bisweilen auch leidvolle Debatte offenbarte, wie schwer sich viele der ehemals „Andersdenkenden“ noch tun, eineinhalb Jahre nach der staatlichen Vereinigung ihre Bürgerbewegung mit der westgrünen „Alt-Nichtpartei“ zu verschmelzen. Denn, so prophezeit es auch der vielfach veränderte und schließlich doch fast einhellig gebilligte Leitantrag, „wer sich in dieses Projekt begibt, bleibt nicht der, der er war“.

Der befreiende Jubel über den Fusions-Beschluß am späten Sonntagnachmittag spiegelte denn auch mehr die Erleichterung über den eigenen Formelkompromiß als die Vorfreude auf eine neue gesamtdeutsche Partei wider. Wären da nicht die arithmetischen Zwänge der Fünfprozentklausel im Bonner Wahlgesetz, das Aufgebot für die Hochzeit der ostdeutschen Herbst-Revolutionäre von 1989 mit der Generation der Studentenrevolte von 1968 wäre kaum bestellt worden. Zwar lobten die Bürgerrechtler die Grünen als einen „authentischen Partner“, aber schon ihr kurzes, klares Plädoyer für die Marktwirtschaft und gegen die „Sackgasse“ sozialistischer Politik zeigt: Ehe „die Bildung einer gemeinsamen politischen Vereinigung im Jahre 1993“ erfolgen wird, droht noch viel Streit.

Doch diese unausweichlichen Ost-West-Konflikte um die Bedeutung von Markt oder Marx spielten in Berlin kaum eine Rolle. Inhaltliche Differenzen oder gar die Angst vor „der selbstzerstörerischen Streitkultur“ der Grünen wurden nur angedeutet, waren gleichwohl aber gemeint, wenn eine Minderheit im Bündnis 90 eben nicht nur die Öko-Partei, sondern zugleich auch liberale oder wertkonservative West-Gruppierungen beachtet sehen wollte. Vor allem der langjährige DDR-Oppositionelle Wolfgang Templin hatte mehrfach gefordert, auf diese Weise die West-Grünen von ihrem Stammplatz am linken Rand der Sozialdemokratie „in die Mitte der Gesellschaft“ zu zwingen. Der Bündnis-Kompromiß sieht nun vor, allein mit den Grünen zu „verhandeln“; mit der Ökologisch Demokratischen Partei (ÖDP) oder den Liberalen Demokraten werden nur „Gespräche“ geführt.

Damit scheint der Versuch, die Grünen gleichsam aus dem Osten auf einen neuen Kurs zu lenken, weitgehend gescheitert. Noch während der Berliner Konferenz signalisierten aus Bonn angereiste Gastredner wie Ludger Volmer vom Bundesvorstand der Grünen, man werde „Steine“ wie die ÖDP „überspringen und nicht erst mühsam aus dem Weg räumen“. Solch selbstbewußte Töne lassen allzuviel Rücksicht auf ostdeutsche Sehnsüchte nach einer „Partei jenseits des Rechts-Links-Schemas“ nicht erwarten. Aber auch das Bündnis 90 selbst schaltete alle Lichter auf Grün: Fortan werden fast ausschließlich Befürworter einer zügigen Fusion die kleine Partei anführen. Wolfgang Templin hingegen fiel bei der Wahl zum Geschäftsführenden Ausschuß durch.

Die zähen Vereinigungs-Verhandlungen in den nächsten Monaten wird statt dessen nun Werner Schulz prägen, der sächsische Bundestagsabgeordnete, der am Wochenende vehement und rhetorisch brillant für die Grünen geworben hatte. Dabei solle, so hatte er bildreich seinen Freunden Mut machen wollen, die Bürgerbewegung „ein Stachel“ im Fleisch der Grünen sein. Und mit einer weiteren Metapher formulierte er das hehre wie ferne Ziel: „Wir müssen die Hefe im Sauerteig sein, die ganz Deutschland durchdringt. Die Gärung kann nicht gegen, sondern nur noch mit den Grünen verlaufen.“

Doch so weit ist man noch nicht. Erst wird der vermeintliche Teig geknetet. Dazu formulierte die Delegiertenkonferenz Forderungen, die der westdeutsche Wunschpartner sogleich als „unzumutbar“ zurückwies: Über vier Jahre sollen alle gemeinsamen Parteigremien paritätisch besetzt werden – obwohl doch die Grünen zwölfmal mehr Mitglieder zählen als die dreitausend Bürgerrechtler. Der Gedanke an westdeutsche Landesverbände des Bündnis 90 „als einer bundesweiten Organisation“ behagt den Grünen ebensowenig wie die Idee, die unierte Partei in ein „Bündnis für Demokratie, Ökologie und Menschenrechte“ umzutaufen.

Wahrscheinlicher – und auch ehrlicher – ist da die schlichte Addition zweier Milieus, die sich noch fremd sind. „Bündnis 90/Grüne“ lautet denn auch der bescheidene Alternativvorschlag für den Namen der vierten gesamtdeutschen Partei.