Es gibt seit ein oder zwei Jahrzehnten einen Menschenschlag, der literarisch noch nicht oft beschrieben wurde. Es handelt sich um die kultivierten Blüten einer Boulevard-Gesellschaft. Sie verwenden für größere Gefühle gern das Wort „Obsession“ und zeigen sich leicht gequält von dem Geräusch und dem Anblick ihres Fax-Gerätes. Immer wieder einmal beschäftigen sie sich mit der Frage der Abschaffung des Gerätes, da ein ästhetischer Nonkonformismus ihre eigentliche Heimat wäre. Da sie wissen, daß ihnen ernsthaft nichts zustoßen wird, leisten sie sich ausführliche Krisen. Schlimmer als diese ist noch etwas anderes: ihre Überzeugtheit von der Originalität ihres Innenlebens.

Und gerade darin täuscht sich Elke Heidenreich in ihren Leuten. Sie mokiert sich ein wenig über ihren täglichen Parcours zwischen Redaktionsstreß und Schubert-Liedern – und nimmt sie im Grunde doch für voll. Dabei entgeht dem ansonsten scharfen Blick der Autorin das eigentliche, aber stille Drama, das die Aufregungen und Anekdoten vernebeln: das Kopierte, Aufgewärmte der zeitgenössischen Seelengeschichten, von denen sechs der neun Prosastücke des Bandes „Kolonien der Liebe“ erzählen. (Drei sind Erinnerungen der Erzählerin an ihre Kindheit.)

Eine der Geschichten erzählt von den Strategien der Unterwerfung eines Gefühls. Eine erfolgreiche, weltgewandte Frau mittleren Alters weicht für einen Wintermonat in das leerstehende Domizil eines Freundes in der Stadt Wien aus, um ihre Hingerissenheit für einen schönen Jüngling abzukühlen. Das Ziel der geschmackvoll arrangierten Reise ist vor der Abfahrt schon gebucht: zur Vernunft kommen. Der schriftliche Monolog, den die ungebrochene Frau in Wien verfaßt, um sich das Außerordentliche ihrer Herzensgeschichte zu erzählen und zu erklären, ist in Wahrheit das Dokument einer Verschleierung. Der Stil, die Sprache, die Erinnerungsbilder sind die einer Sentimentalen. Gesteuert wird der Text aber von einer mittelmäßigen Vollstreckerin des Realitätsprinzips, die mit dem ersten Satz weiß, worauf der letzte hinaus soll: auf eine fertige Trennung, so schmerzlos wie möglich und so melancholisch wie nötig. Unter dem Aufwand an schönen Gefühlen herrscht eine Rechenkunst des Lebens, die Serien leerer Gesten produziert, welche so raffiniert sind, vital zu wirken: gegen die Liebe nach Wien fahren, gegen die Einsamkeit ins Flugzeug steigen, gegen einen 16-Stunden-Arbeitstag nach Mitternacht ein wenig verwahrlosen, gegen zuviel Denkgewirr einfache Leute aufstöbern, gegen dummes Gerede „Champagner in der Küche“ trinken. Kurzum: ein ewiges So-weiter-Machen, wo nichts mehr ist.

Ein gutes Thema, das die Autorin sich, wie es scheint, fast ohne Absicht eingehandelt hat. Sie führt es (ausgenommen die Geschichte „Das Herz kaum größer als die Leichenfaust“, in der die Erzählerin liebevoll spöttelnd mit ihren Figuren fraternisiert), nur zur Hälfte, mit halbem Mut zur Desillusionierung aus.

Elke Heidenreich läßt ihren Figuren traurige oder enervierende Episoden zufallen, die diese mit mediokren Lebenstechniken bewältigen. Ginge sie umgekehrt vor, zöge sie ihnen den Boden unter den Füßen weg. Umgekehrt hieße zu erzählen, daß und wie die Episoden aus der schalen Lebensversehrtheit erst hervorgehen, aus diesem mittleren Weltschmerz, der die Betriebsamkeit nicht ernsthaft stört. Dann wären die Episoden nicht Ausdruck einer Fülle von Geschehnissen, sondern Ausdruck einer Leere. Den Blick auf diese vermeidet die Autorin. Sie umgeht das stille Drama der Geschichten und bemüht sich, bisweilen lautstark, die Leere aufzufüllen.

Die Literatur reagiert auf solche Vermeidungen, in diesem Fall mit Klischees, von denen es in dem Buch eine Sammlung gibt. Der Adonis, vor dem die Vernünftige nach Wien flüchtet, muß, weil er so schön ist, ein Hohlkopf sein, den zu verlieren den Frauenintellekt nicht kränkt. Die Dreharbeiten zu einem Film in der Erzählung „Apocalypse Now“ sind die übliche paradoxe Mischung aus Agonie und Tohuwabohu – „Krisela zog jede Menge Koks in ihre große Nase, und nächtelang versuchte der Regisseur, ihr das auszureden, und der Szenenbildner beschlief die Mädchen der Gegend...“

Und ein Berlin-Besuch in der Erzählung „Kleine Reise“ sammelt nur ein, was bereits allgemein bekannt ist: reaktionäre Taxifahrer, „vergilbte Alternative“, mehr Schwule als anderswo, an Kneipentheken herumlümmelnde Kerle von der taz, die den naiven Zugereisten ihre „Theorie über den Marxismus“ aufdrängen.