Von Gunter Hofmann

Dienstag, 28. April

Tränen fließen, spitze Schreie, Dolche blitzen, Täter treten als Opfer auf. Im Moment des dramatischen Höhepunkts läßt sich meist schwer unterscheiden, um was es sich handelt, Tragödie oder Farce. Man kennt ja sein Bonn. Die Politik verspielt ihren letzten Kredit. Unverzeihlich.

Vor ein paar Stunden, gegen 20 Uhr, hat einer der Helfer Helmut Kohls im Hotel "Bristol", wohin der Presse-Club geladen hatte, dem Kanzler einen kleinen Zettel an den Tisch gebracht. Darauf stand lediglich: Kinkel 63, Schwaetzer 25. Das Stimmenergebnis der Wahl in Fraktion und Vorstand der FDP also, wonach nun plötzlich der Justizminister Außenminister werden sollte. Die Bauministerin war gescheitert.

Irmgard Schwaetzer, so hatten Otto Graf Lambsdorff und Hermann Otto Solms es noch am Vortag dem Kanzler mitgeteilt, solle Hans-Dietrich Genscher im Auswärtigen Amt nachfolgen. Heute muß Lambsdorff ausrichten lassen, die Sachlage habe sich leider geändert.

Nach Bekanntwerden von Genschers Rückzug brach ein Aufstand in der FDP aus. Er galt dem Geheimverfahren, in welchem die Nachfolgerin bestimmt werden sollte – aber wohl auch der Person. Am Nachmittag hagelte es im Saal 1903 des Hochhauses vierzig Wortmeldungen während der Fraktions- und Vorstandssitzung, die allermeisten empört. Vorher war Klaus Kinkel von Anhängern bestürmt worden, er solle sich zur Verfügung stellen für die Nachfolge Genschers. Man wolle sich nicht "zum Affen machen" lassen, also zuerst für ihn kämpfen, nur damit er hinterher "nein" sagt. Er trete an, seufzte Kinkel.

Aber dennoch zauderte er. Der FDP-Vorsitzende Lambsdorff und der Fraktionsvorsitzende Solms beschworen ihn, die Krise nicht zu verschärfen. Von vornherein hatten sie ihm mitgeteilt, er sei "ohne Chance". Alles sei entschieden. Jetzt, in einer kleinen Krisenrunde, war auch Genscher dabei. Wie er sich verhielt, weiß niemand. Das gilt für seine ganze Rolle in diesen Tagen.