Von Lukas Schwarzacher

Joy Rivero war bei den Massenkundgebungen vor sechs Jahren immer ganz vorne dabei. Die junge Frau trug gelbe T-Shirts, auf denen der 1983 ermordete Oppositionspolitiker Benigno Aquino abgebildet war, wenn dessen Witwe Corazon Aquino bei einer der Wahlkampfveranstaltungen wieder einmal für beinahe hysterische Ausbrüche der Verehrung und Hingabe sorgte. „Cory, we love you!“ stimmte Joy in den Chor von Zehntausenden ein, sobald die Präsidentschaftskandidatin auf dem Podium erschien.

Heute sitzt Joy, inzwischen 27 Jahre alt, in einem Büro in Manilas Finanzviertel Makati und tippt Geschäftsbriefe. „Wir haben gelernt, nicht mehr an unsere Politiker zu glauben“, sagt sie über die für den 11. Mai geplanten Präsidentschaftswahlen. Sie hat andere Sorgen, sie bangt um ihre Arbeit. Überall wird derzeit gespart, auch ihre Firma steht nicht gerade auf festen Beinen. Joy will in die Vereinigten Staaten auswandern, ein Visum hat sie schon beantragt. „Damals glaubten wir, alles würde besser werden“, gesteht sie mit verbittertem Ton. „Heute sind diese Träume längst verflogen. Cory hat uns bitter enttäuscht.“

Wie Joy Rivero haben Millionen Filipinos ihre Illusionen längst verloren. Nach dem Sturz von Ferdinand Marcos und dem Amtsantritt von Corazon Aquino hatten sie auf ein gerechteres System, auf ein besseres Leben gehofft. Doch sechs Jahre nach People Power, dem Volksaufstand gegen die Diktatur, erscheinen die Philippinen ärmer, korrupter, zerrütteter und chaotischer denn je.

„Dieses Land hat keine Hoffnung mehr“, meint die 26 Jahre alte Ärztin Angela Sison. „Nur mit einer gesunden Portion Zynismus kann man hier noch überleben.“ Kaum ein anderes Regime auf dieser Welt hat in so wenigen Jahren so viele Versprechen gebrochen wie die Aquino-Regierung. Sie verhieß Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit; statt dessen bleibt das Volk im Teufelskreis von Rechtlosigkeit, Armut und Ausbeutung gefangen.

Angela Sison weiß, wovon sie spricht. Gemeinsam mit Gleichgesinnten kümmert sie sich um Folteropfer des Militärs. Als es damals um die Macht im Land ging, hatte Aquino noch die Wahrung der Menschenrechte auf ihr Banner geschrieben. Sieben Putschversuche des Militärs haben „Cory“ zwar nicht stürzen können, doch mußte die Präsidentin den Uniformierten bei der Bekämpfung des Widerstands der Linken freie Hand lassen. „Heute werden mindestens ebenso viele Menschen gefoltert und ermordet oder verschwinden einfach wie in den schlimmsten Jahren unter Marcos“, sagt Angela Sison.

Auch die versprochene Landreform hat Corazon Aquino nicht in die Tat umgesetzt. Bis Mitte des vorigen Jahres wurden nur dreißig Prozent des eigenen Reformziels erreicht; an den Besitzverhältnissen in der Landwirtschaft hat sich kaum etwas geändert. Seither ist das Programm mehr oder weniger vergessen. Der Führer der Bauernbewegung, Jaime Tadeo, sitzt seit 1990 hinter Gittern, weil er den Mächtigen zu unbequem geworden ist. Die Armut werde gelindert – das hatte „Cor/“ vor sechs Jahren ihren Wählern geschworen. Heute hat Manila die größten Slums in ganz Ostasien. Vom Smoky Mountain, wo Tausende seit Jahren auf dampfenden Müllhalden hausen, über das Hafenviertel Tondo bis hin zu Bezirken, die noch vor wenigen Jahren besser ausgesehen haben: Bis auf die Enklaven der Reichen und das Finanzviertel Makati ist die Riesenmetropole verkommener denn je.