Von Werner A. Perger

Am Rande einer FDP-Veranstaltung vor kurzem in Stuttgart bemerkte Bundesjustizminister Klaus Kinkel in einiger Entfernung zwei Herren, die ins Gespräch vertieft waren: Hans-Dietrich Genscher und Frank Elbe. Unbeeindruckt von dem geschäftigen Treiben um sie herum, steckten der Außenminister und der Leiter seines Stabs die Köpfe zusammen. Es sah bedeutsam aus.

Klaus Kinkel erinnerte die Szene an ältere Zeiten: „Da steht der Genscher“, sagte er, „und kinkelt mit dem Elbe.“ Und dann: „So sind wir oft gestanden.“ So hat man sie oft gesehen. „Das ist dann immer wichtig.“ War da Wehmut herauszuhören?

Es ist nicht länger wichtig. Ab Mitte Mai kann er wieder im Auswärtigen Amt kinkeln, nicht mehr als Assistent diesmal; Klaus Kinkel kehrt als Chef zurück und ist willkommen. Man hat ihn aus der Zeit, als er zwischen 1974 und 1978 Genschers Führungsstab und nachher die Planungsabteilung leitete, in guter Erinnerung. Kein Bürokrat, ein Team-Arbeiter, so erinnert man sich, unkompliziert, locker, kollegial. Der glückliche Fall eines unverbildeten Seiteneinsteigers. Ähnlich sprechen viele heute vom FDP-Politiker Kinkel: unverdorben, von Rankünen à la Möllemann unbelastet, vielleicht der Vertreter einer neuen Politik. Hoffnungen. Erwartungen.

Überraschend kam der Wechsel jetzt schon für den Schwaben, der mit Begeisterung Justizminister ist. „Ich war der Meinung, daß ich da was bewegen kann.“ Er hat auch was bewegt, nicht nur beim Randthema Namensrecht, sondern auch in der politischen Streitfrage Ausländerrecht und im rechtsstaatlichen Aufbau im Osten. Am meisten hat er, politisch und persönlich, in der Auseinandersetzung um die Strafgefangenen Terroristen riskiert. Entspannung war dabei sein Ziel. Die Kritik von rechts war ihm gewiß, die Unterstützung von links und in den eigenen Reihen blieb dünn. Am meisten Verständnis, hat Kinkel in kleinem Kreis einmal mehr angedeutet als gesagt, kam intern von Helmut Kohl. Nicht zuletzt deshalb fühlt er sich dem Kanzler verbunden. Nach außen stand er weitgehend allein. Sollte die Entspannungserklärung der „RAF-Kommandoebene“ ernst gemeint sein und in der Szene befolgt werden, hätte Kinkel von seiten des Staates vermutlich den entscheidenden Beitrag geleistet.

Aber natürlich wechselt er gerne ins neue Amt Gedrängt hat er sich nicht, im Gegenteil. Fast hätte er zu lange gezögert und seinen politischer. Aufstieg aus Rücksichtnahme damit vermutlich beendet, an jenem Dienstagnachmittag, als er sich der Kinkel-Bewegung in Vorstand und Fraktion entziehen wollte. Als „Partei-Youngster“, wie er sich nennt, hatte ihn der Widerstand der Vorsitzenden Lambsdorff und Solms beeindruckt; Genschers mysteriöses Schweigen in dieser Frage freilich auch. Erst der Aufstand und die Wut de-Kinkel-Unterstützer weckten ihn auf: Da wußte er, daß er sich nun selbst entscheiden mußte. Tat es und wurde mit Bravour gewählt.

Im Amt waren sie erleichtert. „Außenpolitik ist etwas, das auch über Menschen läuft“, sagt einer aus Genschers Umgebung. „Daher ist es wichtig, daß Kinkel ein angenehmer Mensch ist.“ Der Schwabe ist nun mal kein Typ, „der die Assoziation des kaltschnäuzigen, aggressiven Deutschen weckt“.