Von Gisela Dachs

Fragen nach ihrer Person hakt sie ab wie auf einer Checkliste. Ob sie fürchte, daß Macht den Menschen verändert? „Die Gefahr sehe ich. Aber wenn man das erkennt und es nicht möchte, ist das eine gute Voraussetzung dafür, daß es nicht passiert.“ Weiter? Sabine Leutheusser-Schnarrenberger liefert die Antworten prompt, präzise und mit herausfordernder Ungeduld. Das paßt zu ihrem Selbstbild. Sie sei „ständig unter Strom“, offen, engagiert und verläßlich; jemand, „der gerne fundierte Sacharbeit leistet und Ergebnisse sehen will“.

Ein wuscheliger Hund namens Dr. Martin Luther streicht um sie herum. Er wird künftig die Spaziergänge am Starnberger See noch häufiger mit dem Herrchen machen müssen, denn Frauchen wird – zu aller Überraschung – Justizministerin. In Jeans und mit strahlender Miene stößt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in ihrem Wahlkreisbüro in Tutzing auf den Sprung nach oben an.

Wäre nicht kurz zuvor, wenn auch nur für 24 Stunden, eine Frau in die Rolle des Außenministers geschlüpft, hätte ihre Blitzkarriere wohl mehr Aufsehen erregt. Die fliegenden Wechsel aber machten zur Nebensache, daß erstmals eine Ministerin ein „klassisches Ressort“ leiten soll. „Es ist ganz klar, daß das nicht geplant war“, räumt sie ein. Eine Frau und obendrein ein Neuling auf dem Bonner Parkett: Die 40jährige Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sitzt erst seit Dezember 1990 im Bundestag. Nach Angela Merkel (37) und Günther Krause (39) wird sie die Drittjüngste in Kohls Kabinett sein.

Um Auskünfte über die Unbekannte einzuholen, so spottete Theo Waigel vor der Kamera, „habe ich blitzartig, so schnell wie die FDP ihre Entscheidungen trifft, zum Handbuch des Bundestages gegriffen und habe nun einen umfassenden Eindruck.“ Dort las der Finanzminister kurz und bündig: Geboren in Minden/Westfalen; Studium der Rechtswissenschaften in Bielefeld und Göttingen (1978 zweites Staatsexamen); 1979/90 beim Deutschen Patentamt in München, seit 1989 als leitende Regierungsdirektorin Abteilungsleiterin Verwaltung.

Die zwölfjährige Berufserfahrung wird ihr im neuen Amt helfen. In München hatte sie immerhin 500 Mitarbeiter geführt, war verantwortlich für das Zusammenführen des Patentamtes der ehemaligen DDR mit dem westdeutschen Pendant. In die FDP ist sie 1978 eingetreten, weil „Liberalismus die tollste Bewegung ist, die ich mir vorstellen kann“. Für die Rechte des einzelnen eintreten gegen die Machtvollkommenheit des Staates sei ihr Motor gewesen. Es klingt etwas verklärt, aber ehrlich.

Eine Parteikarriere allerdings lag ihr nicht, ebensowenig die klassische Frauenpolitik. Sie hat sich nie für Quoten stark gemacht, sei nie „auf dem Frauenticket“ gereist. Dennoch sei klar, daß ihre Berufung auch eine Geste der FDP an die Frauen ist. Wenn schon nicht Irmgard Schwaetzer als neue Außenministerin, dann eben Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als künftige Justizministerin.